Lebenszeichen

Danke für all die netten Reaktionen in den Kommentaren und per Mail. Und danke auch für den Twitteraufruf zu mehr Feed-Abos. Ein bisschen hat sich sogar wirklich getan.

Ich habe darüber nachgedacht, die Kinoprovinz eventuell als "richtigen" Blog weiterzuführen, mit kurzen Posts, geschrieben je nach Zeit und Laune. Aber ich fürchte, ohne feste Veröffentlichungstermine bekomme ich das nie im Leben hin. Sieht man ja schon allein daran, wie lange ich dafür gebraucht habe, mich hier noch einmal zu melden.

Anders sähe es freilich aus, hätte ich den einen oder anderen Mitstreiter.
Wessen Bedauern über die Einstellung dieses Blogs also soweit geht, dass er sich vorstellen kann, zwecks Weiterführung sogar selber Arbeit reinzustecken, der möge sich doch bitte bei mir melden: kinoprovinz[at]t-online.de

Vielleicht passiert hier ja doch noch was.

Wenn ich hier heute geschrieben hätte, wie gewohnt, könnte man einige Sätze zu ALLE ANDEREN von Maren Ade mit der zu Recht derzeit überall gefeierten Birgit Minichmayr lesen. Es wäre eine eindeutige Empfehlung, obwohl ein Herbert-Grönemeyer-Song zum Einsatz kommt; ich hätte nach Belegen für die Behauptung gesucht, dass der Film einige gute alte Qualitätsmerkmale des französischen Kinos aufweist. Und Birgit Minichmmayrs Lieblingsfilm wäre drangekommen.

Zum durchgeknallten Polen-Drogen-Film von Michael Glawogger, CONTACT HIGH, hätte es wohl auch eine freundliche Einschätzung gegeben, begleitet von einigen Hinweisen auf frühere Versuche, Bilder für den Rausch zu finden. Vor Jim Jarmuschs THE LIMITS OF CONTROL neulich hätte ich dagegen schweren Herzens, aber ausdrücklich, gewarnt .

Was gab's noch in den vergangenen Wochen? Alles was man über DRAG ME TO HELL, den Horrorfilm von Sam Raimi lesen konnte, klang ganz vielversprechend. Und CHÉ – REVOLUCIÓN hätte mich vermutlich zu neuen Biopic-Tiraden verleitet.

Zu Georg Seeßlens Artikel über die "intellektuelle Filmkritik" und die "Popcorn-Kritik" (via Anke Gröner) hätte es einen Link gegeben. Und ein paar Anmerkungen.

Vermutlich hätte ich auch über die Kinoprovinz New York berichtet, wo es außer Multiplexen und miesen Mini-Indie-Vorführräumen kaum noch etwas gibt. Vom letzten großen alten Saal, nicht nur in Manhattan, sondern in ganz New York, hätte ich ein paar Fotos eingestellt. Und von den wenigen anderen schönen Ausnahmen ebenfalls. Aufnahmen von Ausnahmen.

Geht ins Kino!


Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden auf diese Seite führte: "Wiedervereinigung + Vampire".

Schluss mit lustig

Leider wird hier ab sofort der Betrieb eingestellt. Wahrscheinlich endgültig. Die Leserzahlen stagnieren auf einem bescheidenen Niveau, so dass auch zukünftig nicht damit zu rechnen ist, dass mit diesem Blog direkt oder indirekt auch nur ein einziger Cent erwirtschaftet werden kann. Andererseits ist der erforderliche Arbeitsaufwand beträchtlich. So geht es nicht auf Dauer weiter; ich kann mir das schlicht nicht leisten. Schade, mir hat's Spaß gemacht und Euch hoffentlich auch. Das "sympathisch abwegige Konzept", das, so Stefan Niggemeier, hinter diesem Blog stehe, war wohl doch eine Spur zu abwegig.

Unmutsäußerungen nehme ich gerne entgegen, und wer Interesse daran hat, mich doch noch umzustimmen, handelt am wirkungsvollsten, indem er zu einem Anstieg der Zahl der Kinoprovinz-Feed-Abos beiträgt. Sollte das Wunder eintreten, dass sich trotz derzeitiger Inaktivität die Abonnentenzahl vervielfacht, wäre eine Wiederauferstehung nicht ausgeschlossen. (Abos derzeit: gerade mal 130)


Orientierung müsst Ihr Euch fortan bei Bedarf wohl anderswo suchen, hier drei Empfehlungen, zwei kurz, eine lang:



Einen ähnlich subjektiven und vorurteilsvollen Blick wie ich wirft der hier schon mehrfach gepriesene Abspannsitzenbleiber Thomas Kögel aus München in seiner wöchentlichen Trailerschau auf die Neustarts. Wollen wir hoffen, dass sein jüngstes Experiment, eigene Urteile durch die Meinung irgendwelcher Leute via Twitter zu ersetzen, nicht fortgesetzt wird.





Hilfreich ist außerdem immer ein Blick auf die "Im-Kino"-Seite von filmz.de; die mühsam und gewissenhaft zusammengestellten Linksammlungen zu den neu startenden Filmen sind verlässlich und verkürzen die Wege zu geeigneten Informationsquellen erheblich.





Knackige Kurzkritiken, schön nach Startterminen sortiert, liefert der Kulturspiegel, das Supplement des Spiegel, das in der jeweils letzten Ausgabe des Monats (nächste Ausgabe am Samstag, den 30.5.) der Gesamtauflage beiliegt. Verantwortlich für diese beste Übersicht über das Kinogeschehen, die man in gedruckter Form im Land bekommen kann, ist Daniel Sander, der seit 2005 die Filmauswahl bestimmt und etwa die Hälfte der Texte auch selber schreibt. Die beiden freien Co-Autoren bleiben in alter Spiegeltradition namenlos. Leider werden nicht einmal annähernd alle neu startenden Filme rezensiert; unter den Tisch fällt viel verzichtbarer Schrott, aber auch manche Kostbarkeit.

Zum Glück erlaubt das Budget des Kulturspiegel (der sich sogar immer noch erfreulich aufwendige Fotoproduktionen für die Titelgeschichten leisten kann, einmalig bei Kulturthemen), dass ganz unabhängig vom Hauptblatt und von Spon gearbeitet werden kann. Anderswo ist die Parallelverwertung von Texten in Supplements oder anderen Blättern aus dem eigenen Haus Standard geworden, oder es werden zwangsweise vorhandene Rezensionen geplündert; das nennt sich dann meist schön euphemistisch die "Nutzung von Synergie-Effekten".

Online sind die Kurzkritiken leider nicht abrufbar; dafür gibt's fast jeden Donnerstag einen längeren Text von Daniel Sander exklusiv im Rahmen der "Tageskarte". Meist ist das eine Kritik zu einem der neu im Kino anlaufenden Filme, manchmal ist aber auch eine DVD-Veröffentlichung der Aufhänger; dadurch werden Texte zu Klassikern möglich wie diese Woche der äußerst lesenswerte Beitrag zu Michelangelo Antonionis ZABRISKIE POINT.

Der Kulturspiegel über SIMONS GEHEIMNIS:
"Regisseur Egoyan, wie immer in den Untiefen der menschlichen Psyche unterwegs, packt so viele Ideen und Wendungen in dieses Gedankenspiel über Familie, Religion und Manipulation, dass der Film manchmal – aber nur fast – darunter zusammenbricht. Unbedingt sehenswert".

Über TAGE ODER STUNDEN:
"Gefühlstrunkener französischer Publikumserfolg, der sich selbst zu wichtig nimmt".

Über DUPLICITY:
"Roberts und Owen als sich hass-liebende Spione, die zwei verfeindete Pharma-Unternehmen infiltrieren, täuschen mit unvergleichlichem Charisma auch über gelegentliche Drehbuchhänger hinweg".

Über ROCK'N'ROLLA:
"Die Verleihwerbung verspricht 'Sex, Crime & Rock'n'Roll', doch statt viel Erotik gibt es anstrengende Posen eines Junkie-Rockers, konfuse Verbrechensverwicklungen um Londoner Immobilien-Gangster und eine Abramowitsch-Karikatur zu sehen. Guy-Ritchie-Fans feiern das schon als Rückkehr zur alten Form. Für Leser von Männermagazinen".

Über REVANCHE:
"Spannendes, gut gemachtes Kino für den Kopf, präzise und packend".

Über THE SPIRIT:
"Comic-Autor Miller führte bei dieser albernen, von Ferne an BATMAN erinnernden Rächer-Story erstmals allein Regie. Sollte er besser nicht mehr tun."

Über DIE KLASSE:
"Halbdokumentarisch in Szene gesetzt, unverkitscht, realitätsnah, bewegend".

Über OPERATION WALKÜRE:
"Nach dem aufgeblasenen Vorfeldwirbel entpuppt sich nun das Widerstandswerk mit dem eher farblosen als couragierten Cruise in der Hauptrolle als simples und geschwätziges Event-Movie auf TV-Niveau, mit dem Regisseur Singer und Autor McQuarrie deutlich ihre Grenzen aufzeigen".


Und nun, zum guten Schluss, sei auch noch der Lieblingsfilm von Daniel Sander verraten:



CHILDREN OF MEN von 2006; Regisseur und Drehbuchautor ist Alfonso Cuarón, der davor so unterschiedliche Filme wie Y TU MAMÁ TAMBIÉN und eines der Harry-Potter-Sequels gemacht hat.

CHILDREN OF MEN ist ein packend inszeniertes und teils sehr realistisch anmutendes Endzeitdrama, das beispielhaft demonstriert, wie gelungenes, intelligentes und trotzdem massentaugliches Kino heute aussehen kann. Die in der nahen Zukunft spielende Geschichte beschreibt eine Welt, in der die Menschen allgemein unfruchtbar geworden sind und verfolgt die verzweifelte Flucht einer kleinen Gruppe, in deren Mitte sich eine Schwangere befindet, vor der polizeistaatlichen Obrigkeit. Die Hauptrolle spielt Clive Owen; Michael Caine hat einen hübschen Auftritt als integrer Hippie-Opa.
Auch wenn der Film bei imdb die beachtliche Durchschnittsnote 8,1 erreicht (unter den Top 250) und das Tomatometer 92% anzeigt, gibt es viele, die ihn heftig ablehnen: Bei imdb häufen sich Verrisse unter den Nutzerkommentaren, in denen vor allem bemängelt wird, dass vieles nicht ausreichend erklärt werde und darum unplausibel sei und dass zu viel geballert werde; professionelle Kritiker hingegen haben sich vereinzelt am pseudo-religiösen Symbolismus des Endes gestört.

CHILDREN OF MEN ist überall problemlos auf DVD zu bekommen.


Und ein Film, den wir zum Glück nicht gesehen haben:



Es ist nicht so, dass Michael Caine heutzutage ausschließlich in guten oder in Batmanfilmen mitspielt. Der jüngste Tiefpunkt stammt von 2005 und ist das Remake einer Fernsehserie aus den Sechzigern: VERLIEBT IN EINE HEXE. Es scheint sich um eine der missratensten Romcoms der letzten Jahre zu handeln; bei der Beschreibung all der Schwächen gehen den Kritikern die Adjektive aus. Anke Gröner, eine ausgewiesene Freundin des Genres, schrieb: "Zum Schluss kriegen sie sich, und alles ist toll. Und mir ist schlecht, weil Frau Kidman leider überhaupt nicht lustig ist und so dermaßen krampfhaft auf Meg Ryan macht, dass es kaum zum Aushalten ist, zwischen ihr und Ferrell fliegt nicht mal ein Fünkchen, und der ganze Film hat ein so unstimmiges Tempo, das ich ständig versucht war, vorzuskippen". Das Tomatometer zeigt erbärmliche 25% an; bei imdb ist die Durchschnittsnote 4,9. Michael Caine gibt den Vater der Kidman-Hexe und macht das Ganze offenbar nicht schlimmer, reißt es aber auch nicht raus.



Die Google-Abfrage, die letzte Woche und in vielen zurückliegenden Wochen am häufigsten auf diese Seiten geführt hat, lautet, wenig überraschend, einfach "Kinoprovinz".