Namhafte Idioten und dem Untergang geweihte Zitronenbäume

Woche 40/2008



Der deutsche Titelzusatz ist mal wieder entsetzlich. Was für ein blöde Entscheidung, den Titel nicht zu übersetzen, dafür dann aber "Wer verbrennt sich hier die Finger?" dranzuhängen. Klingt so debil wie deutsche Titel in den Siebzigern, ich denke da an solche Kaliber wie HASCH MICH, ICH BIN DER MÖRDER (Orignaltitel: "Jo").
Die amerikanische Tagline ist "Intelligence is relative." Schon besser. Es geht um eine CD mit vermeintlichen Geheiminformationen der Regierung, die zu einer Erpressung und zahlreichen weiteren Verwicklungen führt. Vor allem aber geht es um die handelnden Idioten, gespielt von so vielen Stars, wie sie die Coens nie zuvor zusammenbekommen haben.
"Wir haben einige Erfahrung darin, Rollen für idiotische Charaktere zu schreiben", sagte Joel Coen in Venedig. Wie erfreulich, die Brüder haben offenbar wirklich die Kurve gekriegt, nach einem längeren Ausflug in seichtere Gewässer sind sie wieder zurück, NO COUNTRY FOR OLD MEN war kein Zufallstreffer oder Ausrutscher, sie machen wieder kompromisslos gute Filme, wie niemand sonst sie fertigbringt: Bösartig, komisch, perfekt getimed und detailverliebt. BURN AFTER READING knüpft nahtlos an Vorgänger wie ARIZONA JUNIOR oder FARGO an und zum Glück gefällt das nicht nur Wenigen, sondern ist ein veritabler Kassenerfolg, wie NO COUNTRY auch. Da dürften dann auch in Zukunft keine weiteren Enttäuschungen drohen.
BURN AFTER READING läuft im Abaton OmU, außerdem im Zeise, im Streits OF und in sämtlichen Multiplexen.




Israelische Filme, die es bei uns ins Kino schaffen, haben neuerdings immer englische Titel. Sehr seltsam. Für wie doof halten die Verleiher eigenlich ihr Publikum? LEMON TREE ist ein Film von Eran Riklis, der auch die SYRISCHE BRAUT gedreht hat. Es geht um eine weitere absurde Grenzgeschichte, diesmal stehen im Mittelpunkt die Erbin eines Zitronenhains und ihr Nachbarn, der israelische Verteidigungsminister, deren Grundstücke genau an der Trennlinie zwischen West Bank und Israel liegen. Ist wohl nicht frei von plakativer Symbolik, aber bestimmt wieder leichthändig inszeniert und gut gespielt. LEMON TREE läuft im Abaton und zwar bestimmt nicht lange, wer mag, sollte sich nicht zuviel Zeit lassen mit einem Kinobesuch.


Außerdem neu:



Dank dieses Videos kamen The Zimmers als "älteste Rockband der Welt" letztes Jahr in Britannien in die Charts. Jetzt folgt ein britischer Dokumentarfilm über einen amerikanischen Rentnerchor, der Stücke von The Clash und Sonic Youth im Repertoire hat und natürlich entsteht da der Verdacht, dass da schnell mit einer fremden Idee Geld gemacht werden soll. Ist aber genau andersrum: Der Chor Young@Heart war zuerst da, ein Vierteljahrhundert früher genauer gesagt, aber auch zuerst auf youtube präsent, die Zimmers sind ein nachgemachtes Retortenprodukt des BBC.
Aber will man sich eine ganze, wohl recht auf Effekt kalkulierte Dokumentation angucken? (Zwei Mitglieder starben während der Dreharbeiten kurz vor einem Auftritt, was schön tränenheischend ausgekostet wird.) Und ist youtube nicht der perfekte und völlig ausreichende Verbreitungsweg? Hier sind "I Will Survive", "Fix You", "I Got You (I Feel Good)", "I Wanna Be Sedated" und wer mehr will, findet noch jede Menge.

YOUNG@HEART läuft im Abaton (OmU), im Elbe läuft für Analphabeten eine "deutsche Fassung". Keine Ahnung, ob da aus dem Off eingesprochen und übersetzt wird, oder, noch schlimmer, ob die Sprechstimmen der Alten wie im Spielfilm synchronisiert wurden.



Und: Passend zum Tag der Einheit, eine, na ja, humorvolle Dokumentation aus dem deutschen Osten: HEIMATKUNDE. Martin Sonneborn, ehemals Titanic-Chef, durchstreift die Berliner Peripherie und portraitiert erwartungsgemäß seltsame Typen. Ein Nebenprodukt der gleichnamigen Videoserie auf Spam, Sonneborns Satire-Plattform bei Spiegel-Online. Und so sieht´s halt auch aus. Mies aufgelöste DV-Bilder, die auf der großen Leinwand nichts verloren haben. Von der Website ins Kino, was für ein Irrweg.
Das inhaltliche Konzept scheint mir auch nicht ganz aufzugehen: Sonneborn stellt sich naiv und führt recht beliebig aneinandergereiht Doofe aus dem Osten vor, ich bezweifle, dass das 94 Minuten lang wirklich komisch oder unterhaltsam ist.
Aus dem Umfeld der Titanic, die in der Novemberausgabe 1989 Gabi mit ihrer ersten Banane auf dem Titel hatte und seit Dezember 1989 im Impressum "Die endgültige Teilung Deutschlands, das ist unser Auftrag" stehen hat, erwarte ich mehr von einem Zonen-Film. HEIMATKUNDE läuft im 3001.



Und: Die "wahre Geschichte" eines Flugzeugzusammenstoßes über dem Bodensee als verschachtelter Spielfilm, der sich in die Leben lauter mehr oder weniger Beteiligter hineindenkt. Soll seltsamerweise, wie Moritz Gathmann im Tagesspiegel schreibt, nicht mal alle spektakulären Fakten des Falles auf den Tisch legen: Der Fluglotse wurde ein Jahr nach dem Unglück von einem Ossetten ermordet, der seine Familie bei dem Crash verloren hatte. Der Mörder ist heute stellvertretender Minister für Bau und Architektur in Nordossetien.
"Als großes Gefühlskino verkapptes TV-Movie", das stilistisch 21 GRAMM oder L.A.CRASH nacheifert, urteilt Alexandra Wach im filmdienst. Ich frage mich, wie die wohl darum kommen, den Zusammensturz zu zeigen, denn für eine vorzeigbare Computeranimation dürfte das Geld kaum gereicht haben. 10 SEKUNDEN läuft exklusiv im Alabama, dem ich genügend Zuschauer für diesen Ausflug in den Erstaufführungsbereich wünsche.



Und: Eine James-Bond-Parodie aus der Türkei mit einem trotteligen Geheimagenten, der es mit einen albanischen Superschurken aufnehmen muss. Über den Film ist wieder mal nichts rauszufinden, wenn man kein türkisch versteht. Wahrscheinlich werden deutsche Kritiker gar nicht zur Pressevorführung eingeladen. SÜPER-AJAN K9 hat aber immerhin deutsche Untertitel erhalten und läuft im UCI Wandsbek.



Und: Eine strunzdumme Mike-Myers-Komödie. Das Tomatometer zeigt beachtliche 14% an. "Kein Kind unter 12 sollte sich das antun. Und, wohlgemerkt, auch niemand über 12. Sie werden es hassen", schreibt Christopher Tookey in der Daily Mail. DER LOVE-GURU läuft in den meisten Multiplexen.



Und: Ein neues Machwerk von Uwe Boll, für das sich erstaunlicherweise Til Schweiger hergegeben hat, der das nach dem Hasensexerfolg doch wirlich nicht nötig hätte. Der Titel FAR CRY meint übrigens keineswegs einen entfernten Schrei, sondern, laut Leo, einen großen Unterschied oder aber einen weiten Weg. Es ist nicht anzunehmen, das irgendeine dieser Bedeutungen viel mit dem Film zu tun hat. Udo Kier spielt auch mit, das verleiht dem Blödsinn fast höhere Trashweihen. FAR CRY läuft in den meisten Multiplexen.



Und: Ein deutscher Film mit einem doofen Titel über einen Techno-DJ mit Drogenproblemen, herzloser Musikindustrietante und verständnisvoller Psychaterin. Die Hauptrolle spielt Paul Kalkbrenner, DJ auch im richtigen Leben. BERLIN CALLING läuft im Cinemaxx und im UCI Othmarschen.



Wöchentliche Provinzialitätsmessung:

Auch bei 9 Filmstarts in der Kinoprovinz sind es wieder nicht alle: Diese Woche starten anderswo außerdem ein unprätentiöser Dokumentarfilm über den Nahen Osten, RECYCLE und BARAKAT! aus Algerien, beide mit Sicherheit besser als das Gros der Filme, die bei uns angekommen sind. Bei uns laufen diesmal 82% an. In Berlin laufen sie, wie immer, alle.



Weiterhin:



WALL-E in allen Multiplexen, im Streits OF und im Koralle.

TROPIC THUNDER in den Multiplexen.

GOMORRHA im
Magazin, Zeise, Abaton und im Holi.

CHIKO immer noch spät im UCI Wandsbek. Seit Mitte April! Das gab´s lange nicht mehr.

COUSCOUS MIT FISCH im Passage.

DR. ALEMAN nur noch Montag bis Mittsoch um 17.00 Uhr im
3001.

TAGE DES ZORNS nur noch am Mittwochnachmittag im Abaton.

DER BAADER-MEINHOF-KOMPLEX so gut wie überall.



Und wer THE WILD BUNCH von Peckinpah mal auf der ganz großen Leinwand sehen will, hat von Sonntag bis Dienstag im
Metropolis (OF) die Gelegenheit dazu.



Filme, die wir zum Glück nicht gesehen haben, Folge 28:

"If you like stupid and dumb movies, watch it!", schreibt der einzige Kommentator bei imdb und das ist als echte Empfehlung gemeint. Die Freude am Schrott kann ich meist nicht teilen, der Kult um Schulmädchenreports und letztklassige Horrorfilme lässt mich kalt, aber wie man sich freiwillig unerträglich doofe Komödien anschauen kann, ist mir das größte Rätsel.
Könnte es übrigens sein, dass Deutschland ganz zu unrecht als Weltmeister im schlechten Humor gilt? Ist es in Italien nicht mindestens genauso schlimm? Kaum vorstellbar, dass es im berüchtigten italienischen Fernsehen bessere komische Sendungen gibt als bei uns. Und die Filmkomödien mit Celentano und Konsorten scheinen mir auch das deutsche Durchschnittswitzniveau noch zu untertreffen. Oder liegt das nur an der Synchronisation? So richtig erfolgreich war das Zeugs außer in der Heimat auch nur bei uns...
Seltsamerweise wurde eines der Celentanofilmchen gerade am Lido mit großem Brimborium wiederauffgeführt, YUPPIE DU. Zu lesen war, dass Celentano leibhaftig nicht nur Brad Pitt und Clooney die Schau gestohlen habe, sondern dass es sich bei der Komödie um ein "Meisterwerk" handele, dass den Wettbewerb überstrahle. "Die größte Überraschung, gleichzeitig das schönste Kompliment an den kreativen Tausendsassa war zweifelsohne, dass die wirbelnde Komödie aus dem Jahr 1974 mit ihren grotesken Tanzeinlagen, dem absurden Humor und mannigfaltigen inszenatorischen Extravaganzen in fünf Minuten mehr vom „Wunder Kino“ vermitteln konnte, als der Großteil der italienischen Wettbewerbsfilme – insgesamt sind es vier – zusammengenommen", schreibt beispielsweise Markus Keschnigg. Ist YUPPIE DU die eine große Ausnahme? Oder spinnen die alle? Für erstere Annahme spricht, dass die Wiederaufführung von manchem geradezu herbeigesehnt wurde.

Hhm, Charlotte Rampling, Venedig. Und der Quatschsong ist auch ganz nett. Dass Celentano in den Sechzigern durchgehend ganz großartige Musik gemacht hat, muss eigentlich nicht mehr erwähnt werden, oder?




Umsonst und zuhause:




Am Donnerstag zeigt
arte um 21.00 Uhr erneut Fatih Akins GEGEN DIE WAND, falls irgendwer es geschafft hat, den Film bislang zu verpassen. ShowView 3.066.260




2004 wurde ARSÈNE LUPIN neu verfilmt. Mit großem Aufwand, der sich gelohnt haben soll. Hat bei imdb allerdings nur die Durchschnittsnote 5,3. War in Deutschland nicht in den Kinos. Im ZDF am Freitag um 23.30 Uhr. ShowView 520.203




Der an der Kasse wohl erfolgloseste Film der Coens ist THE MAN WHO WASN´T THERE mit Billy Bob Thornton. Vielleicht kein Zufall, dass es der einzige Schwarz/Weiß-Film der Brüder ist. Gedreht wurde allerdings in Farbe und die farbige Fassung ist in Frankreich sogar als Teil einer Box auf DVD veröffentlicht worden und dort gebraucht auch noch problemlos zu bestellen. Unter dem Fernsehtitel "Der unscheinbare Mr. Crane" läuft die farblose Variante in der Nacht von Samstag auf Sonntag um 00.15 Uhr im
WDR. ShowView 6.135.921



Am Sonntag zeigt
RTL um 20.15 Uhr von Werbung durchsetzt DIE BOURNE VERSCHWÖRUNG, der zweite Teil mit der hübschen Verfolgungsjagd in Moskau. ShowView 9.833.178




Am Montag dann im
MDR um 22.50 Uhr ein vielgelobter Defa-Kriegs- bzw. Antikriegsfilm aus den 60ern: DIE ABENTEUER DES WERNER HOLT. Regie führte Joachim Kunert. ShowView 53.735.761



AN DEINER SCHULTER klingt zugegebenermaßen zum Weglaufen, bei "The Upside Of Anger", so der Originaltitel, handelt es sich aber um ein besseres Melodram mit komischen Elementen und einer tollen Joan Allen als verlassene Ehefrau. Im WDR um 22.10 Uhr am Dienstag. ShowView 9.884.571



Einen Länderpunkt ließe sich holen mit SCHIZO, einem Film aus Kasachstan, der es 2004 in den Wettbewerb von Cannes geschafft hatte. Regellose Faustkämpfe und ein 15-jähriger Protagonist. Am Dienstag auf 3Sat um 23.00 Uhr. ShowView 8.120.378




Und wie immer gibt es außerdem noch viele weitere sehenswerte Filme, diese Woche beispielsweise GOODBYE LENIN auf
arte oder MR. MAJESTYK im HR mit Charles Bronson als Melonenbauer (Originaldrehbuch von Meister Elmore Leonard). Wer suchet, der findet.



Kinos, Folge 45: Das Moviemento in Berlin-Kreuzberg

Laut Eigenwerbung das "älteste Kino Deutschlands". Es wurde 1907 eröffnet, keinewegs als erstes Kino im Land, ist aber als eines der wenigen aus der Frühzeit noch in Betrieb. Bereits 1906 öffnete beispielsweise Knopf´s Lichtspielhaus am Spielbudenplatz in St.Pauli seine Türen, ein prächtiger großer Saal, in dem heute aber keine Filme mehr gezeigt werden. Das Moviemento ist architektonisch dagegen eher unscheinbar, handelt es sich doch nur um bescheidene Vorführräume von höchstens Klassenzimmergröße im ersten Stock einer damaligen Kneipe. Das Gebäude ist ein stinknormales Wohn- und Geschäftshaus aus der Jahrhundertwende. Das älteste, weiterhin für Filmvorführungen genutzte und eigens für diesen Zweck errichtete Haus in Deutschland ist der, hier schon einmal vorgestellte, sehr schöne Weltspiegel in Cottbus, von 1911. Laut Guinessbuch der Rekorde ist das älteste, nicht zweckentfremdete Kino der Welt in Korsør in Dänemark versteckt. Es wurde erst 1908(!) eröffnet und scheint leider irgendwann kaputtmodernisiert worden zu sein. (Danke, Silke)

Seit den 80ern ist das Moviemento eines der ambitioniertesten Programmkinos der Stadt, das von 1988 - 1996 einen heute recht prominenten Leiter hatte: "Seine (Frank Griebes) Freundin arbeitete im Kreuzberger Moviemento Kino an der Kasse, und als ich dort als Vorführer begann, traf ich diesen Typ mit Brille, der spät abends seine Freundin abholte und der mit ziemlich ähnlicher Begeisterung über den neuen James Bond wie über den neuen Claude Chabrol zu schwärmen in der Lage war. (...) Im Moviemento endeten die Spätvorstellungen meist erst um zwei Uhr nachts, aber wir waren noch hungrig auf einen Gute-Nacht-Film. Das Kino wurde also abgeschlossen, und man hatte die Wahl aus gut zwei Dutzend Filmen für eine very late night show. Die Tradition haben wir jahrelang fortgesetzt. Irgendwann begann ich, das Programm für das Moviemento zu gestalten, und unzählige Filme, heute kann ich das beichten, wurden einzig und allein aus dem Grund gespielt, weil Frank und ich sie dringend noch mal wieder sehen wollten", schreibt Tom Tykwer.
2007 gab es einen Betreiberwechsel, das Niveau bleibt hoch, nur gibt es, wie fast überall heute, fast ausschließlich Erstaufführungen.


Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden auf diese Seiten führte: "Bullen komische Tiere".

Kommentare:

  1. Und wer "Gegen die Wand" auch am Donnerstag verpasst, kann den Film umsonst, zuhause und legal jederzeit im Netz angucken.

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