Schnee im Iran und Waffen für Afghanistan

Woche 6/2008


Wenn der Filmdienst lobt: "Melancholische Klagelieder unterstreichen die überwältigende Tristesse der Bilder"oder "streckenweise nur schwer zu ertragen", dann scheint IT`S WINTER - ZEMESTAN keine leicht Kost, aber ein guter Film zu sein. Wie oft im iranischen Film spielen Laien und sie machen das angeblich auch wieder richtig gut.
Die Geschichte ist einfach: Ein Mann verlässt seine Familie, um woanders nach Arbeit zu suchen, ein anderer Mann kommt und nimmt seinen Platz ein.
Das könnte ganz ganz furchtbar sein. Erhabene Landschaftsaufnahmen und Schmalz im Soundtrack bleiben uns aber offenbar erspart. Ganz nüchtern und mit größeren narrativen Auslassungen wird die Geschichte erzählt und dabei "eine ganz eigene Poesie" geschaffen, "atemberaubend" fand das Frank Arnold im tip.
Bundesstart war im November, da waren die Feuilletons voll damit, aber in der Kinoprovinz hatte sich wieder einmal keine Leinwand gefunden. Dem Metropolis, das auch schon bei Koepps HOLUNDERBLÜTE eingesprungen war, ist es zu verdanken, dass es jetzt wenigstens ein paar Vorstellungen bei uns gibt: Am Samstag um 19.15 Uhr und am Dienstag um 21.30, außerdem einmal am Montagnachmittag um 17.00 Uhr.
Im Berliner fsk-Kino, dem Verleih von IT`S WINTER - ZEMESTAN, hatte ich im November nachgefragt, ob damit zu rechnen ist, dass der Film auch nach Hamburg komme. Da hieß es nein, Hamburg, das sei ja immer schwierig, da gebe es ja nur das 3001 und die hätten mit ihrem winzigen Haus und einer Leinwand oft keinen Platz im Programm, ausweichen könne man in Ausnahmefällen nur ins Studio. Beim Abaton dagegen würden die Filme des Verleihs als "unspielbar" gelten. Und wenn man sich so anguckt, was heutzutage so im Abaton läuft, bestätigt sich diese Aussage. Spröde Meisterwerke wie ZEMESTAN haben zwischen gemütvollem Arthouse-Kitsch wie ONCE oder DER DRACHENLÄUFER nichts zu suchen, da wird höchstens für amerikanisches Independent-Kino eine Ausnahme gemacht. Uns bleibt nur die Hoffnung, dass die 3001-Betreiber im Lotto gewinnen oder eine anständige Erbschaft machen und ihre Schachtel aufgeben und stattdessen ein schönes und großes Kino mit drei Sälen auf dem Schlachthofgelände oder anderswo in der Schanze eröffnen. Ich bin sicher, ihr Reichtum würde sich sogar mehren. Hier leben 1.760.322 Menschen, da ist doch davon auszugehen, dass es genügend Publikum für wenigstens ein Kino gibt, wie wir es uns wünschen. Sollte sich diese Hoffnung als trügerisch erweisen, müssen wir wohl alle nach Berlin ziehen. Oder weiter zuhause rumhocken und uns mit DVDs begnügen.


Wieder eine wahre Geschichte. Im Vorspann der Kritik im SPIEGEL steht, das sei auch "das Beste daran". DER KRIEG DES CHARLIE WILSON erzählt davon, wie in den 80ern ein Playboy und Kommunistenhasser, der über einen Sitz im Kongress verfügt, seine Zeit aber im wesentlichen mit Koks und Blondinen im Whirlpool verbringt, die Mujaheddin für den Kampf gegen die Sowjets mit Waffen versorgt. Hhm.
Kritik an amerikanischer Außenpolitik als Screwballkomödie mit Tom Hanks, Philip Seymour Hoffman und Julia Roberts. Hhm.
Regie hat der Routinier Mike Nichols geführt. Die Kritiker in den USA waren offensichtlich begeistert, die hiesigen scheinen mehrheitlich auch sehr angetan zu sein. Jörg Lau schreibt in der Zeit von einem "Schauspielerfilm, der es in Frechheit, Komplexität und Dialogdichte mit den großen TV-Serien von heute aufnimmt." Hhm.
Ich bleibe ein wenig misstrauisch, würde aber gerne herausfinden, ob der Film tatsächlich besser ist, als die doofen anderen Politfilme, die in letzter Zeit aus Hollywood kamen. Und dafür gehe ich ins Grindel (OmU). Die deutsche Fassung läuft in den übrigen Multiplexen und im Koralle.




5 Frauen und ein Mann gründen einen JANE AUSTEN CLUB, in dem sie gemeinsam ausschließlich Werke der vielgeliebten britischen Autorin lesen. Die eigenen Erlebnisse der Protagonisten spiegeln sich dann irgendwie in den Romanhandlungen. Scheint eine eher seichte Schmonzette zu sein. Da lese ich lieber mal Jane Austen. Vielleicht gründet ja jemand mit mir auch einen Club. Läuft im UCI Othmarschen und im Grindel OF.


Au weia, wo soll das nur enden, jetzt machen sie schon Biopics über Radiomoderatoren: TALK TO ME läuft im Studio und nachmittags im UCI Mundsburg. Kai Müller faselt im Tagesspiegel davon, dass "schwarze Schauspieler", wenn sie "schwarze Leitfiguren" darstellen, dann oft "über sich hinauswachsen" würden. Das soll, glaube ich, etwas mit diesem Film zu tun haben. Oder auch nicht.




Über MUSALLAT habe ich nicht viel rausgekriegt. Sieht nach so einer Art ROSEMARY´S BABY auf türkisch aus. Scheint Trash zu sein, der aber Spaß machen könnte und läuft im UCI Wandsbek.


Freunden des ausgefallenen Abmurksens bietet außerdem SAW 4 bestimmt viel Vergnügen und wer gerne beliebige, aber spektakuläre Naturaufnahmen ansieht und sich nicht an schmalziger Orchestrierung stört, schätzt sicherlich UNSERE ERDE. Mit süßen Eisbärenbabies!
Und für Schlagermove-Gänger gibt es MÄRZMELODIE, eine deutsche Variante von DAS LEBEN IST EIN CHANSON.



Außerdem weiterhin:



TÖDLICHE VERSPRECHEN jetzt zu unterschiedlichen Zeiten im schönen Magazin in Winterhude, außerdem weiter spät im Cinemaxx.

DARJEELING LIMITED im Alabama und im Passage.

Letzte Chance diese Woche noch ICH BIN EIN CYBORG, ABER DAS MACHT NICHTS zu sehen: Leider nur noch um 17.00 Uhr im 3001.

DIE ZWEIGETEILTE FRAU nur noch um sechs im Holi.

HOTEL VERY WELCOME weiterhin im Studio, spät.

DER NEBEL scheint mies zu laufen: Nur noch spät im UCI Mundsburg und im UCI Othmarschen.

I AM LEGEND im Cinemaxx, in den anderen Multiplexen nur noch spät.

CLOVERFIELD in den Multiplexen, nur nicht im Cinemaxx Wandsbek, im Grindel OF.



Umsonst und zuhause:


Am Donnerstag läuft auf arte um neun der großartige Haneke von 2006: CACHÈ mit Auteuil, der diesmal leider eine etwas gewöhnungsbedürftige neue deutsche Synchronstimme hat.


Ebenfalls am Donnerstag zeigt 3Sat des steinalten Manoel de Oliveiras späte Fortsetzung von Bunuels BELLE DE JOUR. Sie heißt BELLE TOUJOURS und fängt um 22.35 Uhr an, der Bunuelfilm läuft vorher um 21.00 Uhr.




Am Freitag läuft mit den üblichen Unterbrechungen DAS SCHLOSS IM HIMMEL vom Animationsgroßmeister Hayao Miyazaki um 20.15 auf SuperRTL. Musik wie immer von Joe Hisaishi.


In der Nacht von Samstag auf Sonntag läuft im WDR um 00.15 der Innàritu-Film 21 GRAMM mit einem fantastischen Sean Penn in der Hauptrolle.


Früher am Samstagabend um 22.10 zeigt Bayern 3 DER KREIS, ein hochgelobter Film aus dem Iran von 2000.


Am Dienstag um 23.00 kann man auf N3 noch einmal Lars von Triers Musical DANCER IN THE DARK mit Björk sehen.


Am Mittwoch gibt es dann auf arte um 22.55 Uhr noch einen sehr ungewöhnlichen Film mit Musical-Elementen: DAS FLEISCH DER WASSERMELONE von Tsai Ming-liang aus Taiwan. Bei imdb für diesen Film gelistete "Plot keywords": "Ejaculation / Fetish / Musical Segments / Female Nudity / Very Little Dialogue" Tsai ist auch der Regisseur von WHAT TIME IS IT THERE?




Kinos Folge 13: Das Eldorado in München






Die schönste Google-Suchabfrage, die letzte Woche jemanden zu diesen Seiten führte: "Sexfilme auf 3Sat"

Ach ja, die Berlinale geht heute los. Wem die Berichterstattung auf allen üblichen Kanälen nicht reicht, mag vielleicht in den Festivalblog des epd gucken.

Kommentare:

  1. bloss nicht jane austen lesen: ach wie subtil lustig ist es, das englische oberklassen geplänkel.

    j

    AntwortenLöschen
  2. Ts, ts, das ist jetzt nach der absurden Bemerkung über "irgendeine Grungeband", die angeblich Beatlessongs besser als die Beatles spielt, schon das zweite Katastrophenurteils unseres Freundes "je" in wenigen Wochen. Dabei gibt es bekanntermaßen kaum etwas Amüsanteres UND Intelligenteres als Jane-Austen-Romane. Das mit den merkwürdigen Geschmacksurteilen muss wohl an der Berliner Luft liegen (kann ja auch nicht alles besser sein in der Hauptstadt).
    Ansonsten mal wieder herzlichen Dank an Gunnar für einen lesenwerten, hochinformativen und mit Sicherheit in jeder Hinsicht zutreffenden Beitrag!

    AntwortenLöschen
  3. Wow, wieder Lob für die Mühen, kannst du so ne Zusammenstellung auch für Stuttgart machen? :D

    Charlie Wilson ist nicht so gut wie er gemacht wird, bzw. er ist durchschnittlich. Er gehört zu den Filmen, die alle ihre Highlights im Trailer zeigen und darüber hinaus nichts zu bieten haben. Und Talk to Me ist auch nicht das Gelbe vom Ei.

    AntwortenLöschen
  4. Danke für die Hinweise, Charlie Wilson habe ich noch nicht gesehen, vielleicht spare ich mir das doch.

    Für Stuttgart musst Du wohl selber ran. Sollte die dortige Provinz eine noch tiefere sein, hast Du auch weniger zu tun...

    AntwortenLöschen