Ein frustrierter Riese, normale Pariser und brave Mädchen

Woche 29/2008



Das ist mal ein Superheldenfilm für mich: DER GROSSE JAPANER - DAINIPPONJIN ist zur Hälfte eine Mockumentary über einen abgehalfterten Superhelden, der mit sinkenden Einschaltquoten bei der Übertragung seiner Monsterkämpfe und generell mit seinem Leben nicht klarkommt, zur anderen Hälfte ein groteskes und parodistisches Spektakel in alter Godzillatradition.
Endlich mal wieder ein Film, wie man in noch nie gesehen hat, formal ambitioniert, voll mit bizarrer Komik und trotzdem geht´s bei alldem noch um was: "Generationskonflikte, Bindungsunfähigkeit, sexuelle Frustration, Umweltverschmutzung und Konsumterror" zählt Jens Hinrichsen im filmdienst auf. Der 40jährige Daisato wird von einem Dokumentarfilmteam dabei begleitet, wie er U-Bahn fährt, seine Katze füttert und sich ab und zu in einen riesenhaften, tätowierten Kämpfer verwandelt, der gegen allerlei höchst einfallsreich gestaltete Gegner antritt. Ich freu mich drauf. Läuft im 3001.



SO IST PARIS ist ein sehr abschreckender Titel und dann spielt auch noch die Binoche mit, aber bei Cédric Klapischs Film scheint es sich gar nicht um eine akkordeonbegleitete Ansammlung peinlicher alter Klischees zu handeln, sondern um den Versuch lauter kleine Geschichten von sehr normalen Menschen in einer Großstadt zu erzählen. Eine alleinerziehende Angestellte im öffentlichen Dienst, ein kranker Tänzer, ein eitler Professor, ein illegaler Einwanderer aus Kamerun, eine rassistische Bäckerin und noch einige weitere Durchschnittsfiguren stehen im Mittelpunkt vieler kleiner Episoden. Wenn dazwischen immer mal wieder der Eiffelturm ins Bild gerückt wird, darf man davon ausgehen, dass das mit sympatischem Unernst geschieht. Klapisch hatte 1996 übrigens auch den hübschen kleinen Parisfilm UND JEDER SUCHT SEIN KÄTZCHEN gedreht. SO IST PARIS läuft im großen Passage, im Zeise und im Abaton, leider nirgendwo OmU.



MINI-MAX war der deutsche Titel einer 60-Jahre-Fernsehserie von Mel Brooks, eine mir völlig unbekannte, aber offenbar legendäre Agentenfilmparodie. Und da man aus jeder Legende noch ein paar Dollar rausquetschen kann, gibt es jetzt den Film zur Serie mit dem Originaltitel GET SMART. Wer die Vorlage kennt, wird sich vermutlich wünschen, lieber einige Originalfolgen erneut angeguckt zu haben als diese uncharmante Nachdichtung und wer sie nicht kennt, dem kommt nach all den Agentenfilmparodien, die es mittlerweile gab, wohl trotzdem alles sehr bekannt vor. Läuft in den Multiplexen. Und die Serie ist auf DVD erhältlich.
Hier der Vorspann:




Außerdem neu:



Seit einigen Jahren ist eine Jugendbuchreihe bei Thienemanns so erfolgreich, dass fast alle anderen Verlage in dem Segment Kopien rausgebracht haben. Unter dem Reihentitel "Freche Mädchen" erscheinen Herz-Schmerz-Geschichten für pubertierende Mädchen, alle nach gleichem Strickmuster schnell runtergeschrieben, vergleichsweise günstig und immer mit knallig illustriertem Cover versehen. Die Bände heißen "Schule, Ballett & Handykuss" oder "Liebesquiz & Pferdekuss" oder auch "Küsse, Chaos, Feriencamp". Erstaunlich lange hat es gedauert, bis der Versuch unternommen wird, die Leserinnen auch ins Kino zu locken, denn da kann eigentlich nichts schiefgehen, niedrig wie die Ansprüche der Zielgruppe offenbar sind. Gut wäre natürlich die populären Ochsenknechtkerlchens mitspielen zu lassen und tatsächlich, einer der beiden ist dabei. Aus drei Büchern der Serie wurde die Handlung des Films FRECHE MÄDCHEN zusammengekloppt und offensichtlich formal durchaus überraschend mit Elementen wie Split-Screen, Zeitraffer und animierten Szenen umgesetzt. Sieht also danach aus, als erreiche die Adaption immerhin ein höheres Niveau als die öden Vorlagen. Läuft in den Multiplexen und das Abaton ist sich auch nicht zu schade, den Film dreimal täglich zu zeigen.



Und: Die Allerletztverwertung von Abbahits läuft jetzt im Kino an. Was sind das für Leute, die sehen wollen, wie Meryl Streep in Latzhose auf dem Bett rumhüpft und "Dancing Queen" singt?
Und was denken die vier Schweden wohl wirklich über diese Einkommensquelle? Anlässlich der Premiere sind sie in Stockholm sogar neulich gemeinsam öffentlich aufgetreten. MAMMA MIA läuft im Streits OF, im Koralle und in den Multiplexen.


Wöchentliche Provinzialitätsmessung:

Die Wiederaufführung von Gus Van Sants MALA NOCHE, außerdem RED ROAD und SPORTSFREUND LÖTZSCH haben diese Woche ebenfalls ihren Bundesstart.
In Hamburg laufen also nur 62,5% der neuen Filme an. In Berlin laufen sie alle.



Weiterhin:



HAPPY-GO-LUCKY im Abaton (OmU), im Holi und im Zeise. Und? Haltet Ihr diese fröhliche Poppy aus?

JULIA im Elbe. Vielleicht die letzte Gelegenheit in der Provinz.

ALLEALLE im Zeise.

BRÜGGE SEHEN UND STERBEN? noch spät im Abaton OmU, im Passage, im Magazin und am Montag kriegen ihn auch die Harburger zu sehen im dortigen Cinemaxx.

CHIKO wieder täglich außer am Freitag und Montag spät im UCI Wandsbek, am Montag dafür auch nach Einbruch der Dunkelheit im Millerntorstadion. Da laufen außerdem diese Woche Fatih Akins AUF DER ANDEREN SEITE (am Dienstag), Klaus Lemkes ROCKER (am Samstag), Hark Bohms NORDSEE IST MORDSEE (am Mittwoch) und INDIANA JONES UND DAS KÖNIGREICH DES KRISTALLSCHÄDELS (am Donnerstag), letzterer auch noch in den UCI-Multiplexen.

Für 7 Euro sind außerdem draußen im Schanzenpark diese Woche zu sehen: FLEISCH IST MEIN GEMÜSE (am Freitag), DARJEELING LIMITED (am Mittwoch) und I AM LEGEND (am Dienstag).

Und wer NO COUNTRY FOR OLD MEN immer noch nicht gesehen hat, kann das am Sonntag spät im Abaton nachholen. Läuft sogar OmU.



Dies und das:


Immer wieder mal habe ich hier aus Artikeln in der FAS zitiert. Ich lese das Feuilleton in der Regel von der ersten bis zur letzten Seite, mit Interesse und Vergnügen. Selbst Richtigstellungen machen Spaß: "In der vergangenen Woche sind uns hier in der Überschrift "Die unsichtbare Armee" ein paar Zahlen durcheinandergekommen; dies ist nun die Berichtigung. Das heißt, die Zahlen stimmten eigentlich, nur die Begriffe nicht. Also: Es ging um den Flughafen Halle/Leipzig, und dort gibt es, nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen, pro Monat 36 226 sogenannte Transitpassagiere, im Frankfurter Flughafen sind es pro Monat nur 24 135. Nur klangen uns die "Transitpassagiere" zu lang und zu sperrig, und ein bisschen tautologisch fanden wir es auch. Wir dachten "Umsteiger" sei griffiger. Und damit wurde leider Unsinn daraus, denn an Umsteigern ist der Frankfurter Flughafen natürlich nicht zu schlagen, schon gar nicht von Leipzig. Transitpassagiere steigen aber nicht um, sondern sie bleiben sitzen, und wenn sie aussteigen, dann steigen sie zumindest wieder ein, nämlich in dasselbe Flugzeug - und wir stiegen da leider, irgendwo zwischen Schreiben und Redigieren, nicht mehr durch. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen; er ist uns sehr unangenehm."
Über den grünen Klee gelobt sei hier ausdrücklich nur das Feuilleton, aber es lohnt sich dafür das ganze Blatt am Sonntag zu erstehen.



Filme, die wir zum Glück nicht gesehen haben, Folge 18:

Francis Ford Coppolas letzte Woche angelaufener Film JUGEND OHNE JUGEND scheint ja eine Katastrophe zu sein, aber so richtig überraschend ist das eigentlich auch wieder nicht. In den letzten 2 1/2 Jahrzehnten hat der Mann so einige Filme gemacht, die wir zum Glück nicht gesehen haben. In dieser sentimentalen Komödie von 1996 wird im Gegensatz zum jüngsten Quatsch nicht verjüngt, sondern beschleunigt gealtert: Robin Williams spielt einen 10-jährigen Jungen. Wer Spielbergs HOOK kennt, hat eine Ahnung davon, wie unerträglich das sein muss. Überprüfen lässt sich das diese Woche im Fernsehen: Am Samstag auf SuperRTL um 22.15 Uhr. Sicherlich sehenswerter: Coppolas DIE OUTSIDER, in der Nacht zu Montag auf Kabel1 um 00.15 Uhr. Von 1983, mit Matt Dillon, Patrick Swayze, Emilio Estevez, Tom Cruise und Tom Waits.


Außerdem umsonst und zuhause:


Am Donnerstag läuft im WDR GO, ein japanischer Film von 2001, es geht um einen Jugendlichen, der seine koreanische Herkunft verheimlicht. Fängt rasant und komisch an, um dann zum Drama um Vorurteile und Rassismus zu mutieren. Um 23.15 Uhr, OmU! ShowView 4.231.727



Der WDR zeigt im Anschluss in der Nacht zum Freitag um 01.15 Uhr HAT WOLFF VON AMERONGEN KONKURSDELIKTE BEGANGEN, ein sehr ungewöhnlicher Versuch intelligent, spannend und sogar visuell interessant eine Art Skandalgeschichte der deutschen Wirtschaft zu erzählen. ShowView 4.214.505


TSOTSI erzählt die Geschichte von einem jugendlichen Gangster aus einem südafrikanischem Township, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, aber windelweich wird, als er ein Baby findet. Klingt furchtbar, noch schlimmer gar im Pressetext: "Die Geschichte eines blutjungen Gangsters, den man hassen möchte, für den man aber am Ende Tränen vergießt". Ist wohl aber viel weniger plump erzählt, als man befürchten muss. Doch wer solche Läuterungsgeschichten nicht ertragen kann, sollte den Recorder auslassen. Eindeutig gegen den Film spricht, dass er 2006 mit dem Auslandsoscar geehrt wurde. In der Nacht von Sonntag auf Montag in der ARD um 00.00 Uhr. ShowView 3.792.792



Die jüngste Dokumentation von Volker Koepp berichtet wieder einmal vom Osten mit deutscher Vergangenheit, diesmal aus dem Grenzgebiet zwischen Königsberg und Litauen. Der Film heißt MEMELLAND, läuft als Erstaufführung in der ARD am Dienstag um 22.45 Uhr und ist sicherlich wieder nüchtern, schön und kein bisschen revanchistisch. ShowView 260.358

WELT PARK PEKING erzählt von entfremdeten jungen Beschäftigten bei einem Themenpark in Peking, in dem Modelle von Sehenswürdigkeiten aus aller Welt ausgestellt werden. Soll still, unaufdringlich und meisterhaft inszeniert sein und läuft auf 3Sat am Dienstag um 22.55 Uhr als deutsche Erstaufführung. ShowView 10.709.822


Noch ein chinesischer Film auf 3Sat dann am Mittwoch um 22.25 Uhr: LOST IN BEIJING - ALLES IST MÖGLICH. Ein Drama um vier Provinzler, die es in ein sehr hässliches und unwirtliches Peking verschlagen hat, eine halbe Vergewaltigung, eine Schwangerschaft, Rache und die Folgen, sehr dramatisch, aber immer realistisch, vor allem was die Charaktere angeht. Lief letztes Jahr auf der Berlinale und hatte einige hervorragende Kritiken erhalten. ShowView 12.605.168


Und wie immer gibt es außerdem noch jede Menge weitere sehenswerte Filme, vielleicht mag diese Woche beispielsweise jemand wieder mal VANISHING POINT (Fluchtpunkt San Francisco) im Vierten sehen. Oder SWEET SWEETBACK`S BAADASSSSS SONG. Oder SHAFT. Beides auf arte, dazwischen noch eine neue James-Brown-Doku. Wer suchet, der findet.



Kinos, Folge 36: Der Ufa-Palast am Gänsemarkt in Hamburg

Das Multiplex wurde 1997 eröffnet und 2006 gleich wieder abgerissen. Der Neubau lag versteckt hinter einer öden Bürofassade und hatte nicht den Hauch einer Chance gegen das nahe gelegene und bereits ein Jahr zuvor eröffnete Cinemaxx. Zwei Vorgängerbauten an gleicher Stelle war es übrigens genauso ergangen. Seit 1917 war das 5 Jahre zuvor erbaute Lessingtheater ein Kino, ein Prachtbau mit 1000 Plätzen, der im Krieg zwar beschädigt, aber bis 1956 noch als britisches Truppenkino genutzt wurde. Dann folgte der Abriss und 2 Jahre später eröffnete der erste Ufa-Palast an dieser Stelle, ein modernes, teakvertäfeltes Cinemascope-Großkino mit wiederum 1000 Plätzen, das ab 1972 von Heinz Riech nach und nach völlig verbaut wurde zu einem Schachtelkino mit 17 Sälen. Projeziert wurde aus Platzmangel in manchen der Vorführräumen um mehrere Ecken, auch mal statt auf eine Leinwand auf die nackte Wand. Überall lag sehr unterschiedliche, aber immer scheußliche Auslegeware, in einem der oberen Säle guckte noch etwas von der alten Wandverkleidung hervor, unten saß man auch mal hinter einer Säule. 1995 wurde dieses Gebäude schließlich gänzlich plattgemacht. Nach dem nun der Multiplexnachfolger auch schon wieder verschwunden ist, hat das Aufbauen und Abbrechen nach fast 100 Jahren ein Ende gefunden. Kinos baut keiner mehr.

Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden auf diese Seiten führte: "marvin gaye wandbild".

Kommentare:

  1. Ich habe den Trailer zu "So ist Paris" gesehen, und nach dem zu schließen scheint es sich bei Cédric Klapischs Film um eine Ansammlung peinlicher alter Klischees zu handeln, die möglicherweise nicht akkordeonbegleitet daherkommt, aber offenbar durch eine Inszenierung unter Benutzung peinlicher neuer Klischees US-amerikanischer Provenienz so richtig doof wird. Es bleibt also nur die vage Hoffnung, dass der Film ganz anders als der Trailer ist.
    Dem televisionsunkundigen Herrn kinoprovinz.de sei weiterhin mitgeteilt, dass Elemente wie Split-Screen, Zeitraffer und animierte Szenen zwar immer wieder gerne gesehen sind, dass sie aber durchaus nicht überraschend sind: In der höchst erfolgreichen ARD-Vorabendserie "Berlin, Berlin" (ab 2002) kamen solche Mittel reichlich zum Einsatz, und die Klientel der Serie dürfte ähnlich strukturiert gewesen sein wie nun die von "Freche Mädchen".

    AntwortenLöschen
  2. Tatsächlich sind Trailer ja durchaus häufig viel schlimmer als der Film. Aber ich lass´ Klapischs Parisfilm auch sausen.

    Überraschend ist der Einsatz von all dem Firlefanz angesichts der formalen Ödnis der Vorlagen.

    Und die Zielgruppe ist nicht ganz identisch, würde ich vermuten.

    AntwortenLöschen