Alter, Lust, Medizin und Abenteuer

Woche 33/2008



„Was soll man machen, wenn man zweiundsechzig ist und all die Körperteile, die bisher unauffällig waren (Nieren, Lunge, Venen, Arterien, Gehirn, Därme, Prostata, Herz) im Begriff sind, sich Besorgnis erregend bemerkbar zu machen, während das Organ, das sich ein Leben lang mehr als andere bemerkbar gemacht hat, dazu verurteilt ist, zur Bedeutungslosigkeit zu verkümmern?" In Philip Roths Roman "Das sterbende Tier" schwadroniert der Ich-Erzähler, Literatur-Professor David Kepesh, über das Alter und legt reihenweise junge Studentinnen flach, bis ihm eine das graue Haupt völlig verdreht. Die spanische Regisseurin Isabel Coixet hat daraus in Hollywood ein Melodram gemacht, das nicht nur in Deutschland den blöden Titel ELEGY verpasst bekam, nur bei uns aber den noch blöderen Zusatz "...oder die Kunst zu lieben". David Kepesh ist Ben Kingsley, seine Liebste Penelope Cruz und von Ton und Witz der Vorlage dürfte nicht viel übrig geblieben sein. Wer wohl komponierte Bilder der nackten Cruz in hochhackigen Schuhen sehen will, während Erik-Satie-Stücke im Hintergrund klimpern, dürfte jedoch auf seine Kosten kommen, auch wenn das Ganze "ungefähr so spannend" ist, "als würden wir Kepesh zwei Stunden dabei zusehen, wie er in einem seiner Bildbände die klassischen Schönheiten betrachtet und dabei sexuell erregt wird", wie Bert Rebhandl in der FAS schreibt. Was für eine doofe Idee, ein solches Buch zu verfilmen. Noch abwegiger wäre nur die Verfilmung des ersten Roth-Romans mit Kepesh: "Die Brust". Da verwandelt er sich in eine solche, eine weibliche natürlich, so wie Gregor Samsa sich in einen Käfer verwandelt. ELEGY ODER DIE KUNST ZU LIEBEN läuft im Abaton OmU, im Holi und im Zeise.


DR. ALEMAN erzählt von einem idealistischen jungen deutschen Arzt, der im kolumbianischen Cali mit unschönen Realitäten konfrontiert wird, als ein Bandenboss aus der Favela ihn als Leibarzt auswählt. Beruht angeblich wieder einmal auf einer "wahren Geschichte" und soll ganz passabel umgesetzt sein, mit CITY OF GOD als unverkennbarem Vorbild. "Trotz stimmiger Ansätze letztlich eher schnödes Ghetto-Abenteuergarn", meint Daniel Sander im Kultur Spiegel allerdings. Wohl immerhin einer der besseren deutschen Filme des Jahres, bislang. Leider sprechen alle Ghettokids, die vor Ort ganz authentisch gecastet wurden, genauso Hochdeutsch wie der gute deutsche Doktor, das dürfte schon ziemlich nerven. DR. ALEMAN läuft im UCI Mundsburg.



Außerdem neu:


Adam Sandler ist ein Garant für alberne und plumpe Komödien, die einzige Ausnahme bildet meines Wissens der wirklich komische PUNCH DRUNK LOVE. Diesmal gibt er einen Mossadagenten, der in New York als Friseur untertaucht und seine weibliche Kundschaft im Hinterzimmer vögelt, bis ihn sein Erzfeind, ein palästinensischer Terrorist, gespielt von Jon Turturro, aufstöbert. Das ungewöhnliche Setting dürfte für einige durchaus überraschende, gelungene und unkorrekte Scherze sorgen, aber die üblichen Zoten gibt es wohl auch zuhauf. Wer die mag, kann sich LEG DICH NICHT MIT ZOHAN AN in den Multiplexen oder im Streits OF anschauen.


Und: Die NANNY DIARIES, ein satirischer Blick auf die amerikanische Oberschicht mit Scarlet Johannsen als Kindermädchen. Will gleichzeitig rühren, das Ergebnis ist ein halbgarer süßer Brei, nett statt bösartig, so steht zu befürchten. Die Kritik vergleicht mit DER TEUFEL TRÄGT PRADA und urteilt recht übereinstimmend, die NANNY DIARIES seien ein mauer Abklatsch: "Als wenn Sofia Coppola nach einer Lobotomie um ein Remake gebeten worden wäre..." (The Telegraph), oder wie Daniel Sander es im Kultur Spiegel sagt: "Wie eine B-Version (...), die ihr Vorbild in allen Belangen eindrucksvoll untertrifft."


Und: Ein deutsches Jugenddrama, in dem rumänische Klaukinder auf schnöselige Heranwachsende aus Düsseldorf treffen. Die meisten Kritiker meinen das sei recht holprig und zu didaktisch geraten, nur Horst Peter Koll vom filmdienst findet "erzählerische wie gedankliche Reife und Intensität". BEAUTIFUL BITCH läuft im Cinemaxx und im Cinemaxx Harburg.


Und: THE FIGHTERS, ein Kampfsportactionquatsch, der wohl offensichtlich das eh schon recht niedrige durchschnittliche Niveau des Genres noch spielend unterbietet. Läuft in fast allen Multiplexen.


Und: STAR WARS: THE CLONE WARS, der Pilotfilm einer neuen computeranimierten Star-Wars-Fernsehserie. Formal wie inhaltlich völlig belanglos. In den Multiplexen.



Wöchentliche Provinzialitätsmessung:

Diese Woche startet anderswo außerdem ALIEN TEACHER, ein Kinderfilm von Ole Bornedal mit Paprika Steen als Lehrerin aus dem All und die Doku BACK TO AFRICA. Bei uns laufen also 78 % der neuen Filme an. In Berlin laufen sie alle.



Weiterhin:


DER MONGOLE läuft im Abaton, im Blankeneser und im UCI Wandsbek.

HAPPY-GO-LUCKY im Holi und im Zeise.

39,90 im Abaton und im Zeise.

KÜSS MICH BITTE im Holi.

BRÜGGE SEHEN UND STERBEN? noch um 17.45 Uhr im Passage.

FLEISCH IST MEIN GEMÜSE im Alabama.

Und wer die wunderbare Verliererballade mit Philip Seymour Hoffman und Ethan Hawke bislang verpasst hat, hat am Sonntag um 22.30 Uhr im Abaton noch eine Chance TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG ("The Devil Knows You´re Dead") zu sehen, als "2,99-Special". In den letzten Wochen laufen jeden Sonntag spät im Abaton die besten Filme der ersten Jahreshälfte, regulär schon lange nicht mehr im Programm, allesamt untertitelt und spottbillig. Sehr erfreulich, hoffentlich wird das fortgesetzt.

Die deutsche Fassung von TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG läuft übrigens am Dienstag auch im Millerntorstadion. Eigentlich sollte da ja schon Schluss sein, aber jetzt wird bis Ende des Monats noch auf milde Abende gehofft. Diese Woche unter anderem: Hark Bohms NORDSEE IST MORDSEE (am Sonntag) und BIS ZUM ELLENBOGEN (fand Gewährsfrau Miriam sehr komisch, am Mittwoch).

Im Schanzenpark läuft diese Woche auch ein legendärer Film aus dem Norden, Klaus Lemkes ROCKER (am Freitag), außerdem erneut NO COUNTRY FOR OLD MEN (am Samstag) und CHIKO (am Montag). Das sympatische hamburgisch-türkische Kleingangsterdrama läuft auch wieder an einigen Abenden im UCI Wandsbek.

Auch in Wilhelmsburg werden diesen Sommer wieder draußen Filme gezeigt, diese Woche unter anderem ein Kurzfilmprogramm (gratis, am Freitag), TGV EXPRESS (am Montag) und Kaurismäkis ARIEL (am Dienstag).



Filme, die wir zum Glück nicht gesehen haben, Folge 21:

Nach den den beiden netten Tim-Burton-Filmen hatte ich den Fehler gemacht, mir auch noch Joel Schumachers BATMAN FOREVER anzuschauen. Die schlechte Erfahrung hat mich wenigstens gelehrt, dieses noch größere Desaster zu meiden. Vermutlich der schlechteste Film, in dem George Clooney je mitgespielt hat. In Relation zu diesem Schrott ist der alle Rekorde brechende und überall bejubelte DARK NIGHT, Christopher Nolans Nr. 2, der nächste Woche startet, wohl wirklich ein Meisterwerk.


Dies und das:



Das Metropolis feiert die Eröffnung seines Ausweichquartiers, des alten Savoy am Steindamm, am Donnerstag mit der restaurierten Fassung des legendären Ophüls-Films LOLA MONTEZ. Außerdem gibt´s hoffentlich was zu trinken und vorab ein paar Worte von Horst Königstein.
Die Programmmacher freuen sich so über die riesige Cinemascopeleinwand des Savoy, dass sie gleich ein ganze Reihe von Filmen im Extremformat 1 : 2,35 zeigen, die von LOLA MONTEZ eingeläutet wird.
Außerdem diese Woche: JODHAA AKBAR, ein neuer Bollywoodhistorienschinken, der in Hamburg noch nicht zu sehen war bislang, in OmU, am Montag um 19.30 Uhr und am Dienstag um 17.00 Uhr.


Das Fantasy Film Fest ist diese Woche im Cinemaxx in Hamburg zu Gast. Es gibt ein üppiges Programm mit vielen Filmen, die kaum eine Chance auf einen deutschen Verleih haben, die Durchsicht lohnt sich, wie immer. Mir ist aufgefallen: Die seltsame Wiederbegnung mit Jean-Claude Van Damme als Jean-Claude Van Damme in JCVD (am Donnerstag um 19.15 Uhr), die norwegische Komödie THE ART OF NEGATIVE THINKING (am Samstag um 13.00 Uhr), der neue Psychothriller von NIGHTWATCH-Regisseur Ole Bornedal JUST ANOTHER LOVE STORY (am Samstag um 21.30 Uhr), das Coming-Of-Age-Vampirdrama aus Schweden LET THE RIGHT ONE IN (am Sonntag um 18.00 Uhr), der fiese australische Thriller mit Killer ACOLYTES (am Sonntag um 19.15 Uhr), der formal sehr interessante Animationsfilm WALTZ WITH BASHIR aus Israel (am Mittwoch um 19.30 Uhr) und der perfide koreanische Thriller THE CHASER (am Mittwoch um 21.30 Uhr). Sämtliche hier empfohlenen Filme werden als 35mm-Kopie gezeigt, das gilt aber wie gesagt nicht für das ganze Programm, Betaband oder DVD werden auch eingesetzt, da ist Vorsicht geboten. Und lasst euch nicht vom ranschmeißerischen und kumpelhaften Ton der Filmbeschreibungen abschrecken, da dürfte so ziemlich jeder Film besser sein, als es im Programmheft klingt.



Umsonst und zuhause:


Am Donnerstag zeigt 3Sat CITY OF GOD von Fernando Meirelles, falls den irgendwer noch nicht kennt. Um 22.25 Uhr, ShowView 8.561.511

Ebenfalls am Donnerstag läuft auf arte um 23.45 Uhr in deutscher Erstaufführung ES WAR EINMAL IN AFRIKA, ein portugiesischer Film über eine Beziehungskrise vor dem Hintergrund des Unabhängigkeitskampfes in Mosambik 1970. Vielleicht gut, in jedem Fall aber gut gemeint. ShowView 3.987.511

Ein Film von Sam Mendes am Samstag auf RTL: JARHEAD mit Jake Gyllenhaal als gelangweiltem GI in der Wüste. Wahrscheinlich der beste Irakkriegsfilm, ohne Gefechte, ohne Front, selbst für die Soldaten unsichtbar. Um 20.15 Uhr, ShowView 8.914.239

In der Nacht zu Sonntag läuft im WDR ein kanadischer Film aus den 80ern, DER UNTERGANG DES AMERIKANISCHEN IMPERIUMS, in dem 4 Paare unentwegt über Sex und ihr Leben ansonsten reden. Komisch und wahrhaftig. Um 00.00 Uhr. Direkt im Anschluss, um 1.35 Uhr die späte Fortsetzung von 2003: DIE INVASION DER BARBAREN. ShowView 5.188.253 und 9.961.475

Spielbergs Film über den Terroranschlag bei den Olympischen Spielen 1972 zeigt PRO 7 bestimmt nicht zufällig gerade jetzt. MÜNCHEN läuft um 20.15 Uhr am Sonntag, ShowView 94.086.524



DER TAG ALS DIE BEATLES (BEINAHE) NACH MARBURG KAMEN ist halb Dokumentation, halb Komödie und wenn der Fernsehfilm auch nur halb so gut ist, wie sein Titel, lohnt sich das Anschauen sicher. Um 21.45 Uhr, ShowView 21.238.456

Arte zeigt am Montag um 21.00 Uhr die französische Tragikomödie von 1967 DER ALTE MANN UND DAS KIND. Der Mann ist Michel Simon und Antisemit, das Kind ist jüdisch, das Ganze spielt 1943 in Paris und war viele Jahre bei uns nicht zu sehen. imdb-Wertung 8,1, ShowView 9.040.091

RECONSTRUCTION ist ein verspielter Mosaikfilm um Liebe und so weiter aus Dänemark, "der eine Schönheit besitzt, von der das Kino der Dogmatiker nichts ahnt", schrieb Andreas Kilb in der FAZ. Hat 2003 in Cannes gewonnen und läuft in der Nacht von Montag auf Dienstag im ZDF um 00.00 Uhr. ShowView 11.797

Am Dienstag zeigt N3 erneut das Musical von Björk und Lars von Trier DANCER IN THE DARK um 23.00 Uhr, ShowView 3.942.086

HONGKONG CRIME SCENE ist ein intelligenter und actionreicher Krimi aus, ja, Hongkong, von 2005, kein Meilenstein, aber solide Ware für Freunde des Genres. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag um 00.45 Uhr, ShowView 8.017.792


Und wie immer gibt es außerdem noch jede Menge weitere sehenswerte Filme, vielleicht mag diese Woche beispielsweise jemand wieder mal DIE AUSGEBUFFTEN von Bertrand Blier auf arte sehen. Oder VIERZIG GEWEHRE im Vierten. Oder DER MIETER von Polanski auf 3Sat. Wer suchet, der findet.



Kinos, Folge 39: Das Elbe in Hamburg-Osdorf

Ein schönes einzeln stehendes Provinzkino aus den 50ern, das auf wundersame Weise zwischen all den Autohäusern an der Osdorfer Landstraße bis heute überlebt hat. Gezeigt wird leider in der Regel nur ein reines Nachspielprogramm, bestehend aus gepflegter Arthouseware für gebildete Vorstädter. Genau die gleiche Chose wie im Magazin, im Fama, im Blankeneser, im Alabama und im Koralle. Zur Zeit ist Sommerpause, Ende August geht´s weiter.


Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden auf diese Seiten führte: "gangster uhren und ketten katalog".

Kommentare:

  1. die 'wohlkomponierten nacktbilder' von cruz kann man auch als stills im internet finden. dann braucht man nur noch eine satie-platte auflegen. der grund, sich das drama auzugucken, kann also wegfallen.

    apropo cruz: auf imdb wurde darüber geforumt, ob pc nicht viel zu alt ist für die rolle einer 20jährigen studentin. einen wichtige frage.

    warum elegy nicht mit ie geschrieben werden konnte, ist mir allerdings auch ein rehzell.

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  2. Gibt´s auch auf youtube, bewegt und Satie wird gleich mitgeliefert: Hier oder hier. Dass es in diesem Fall besonders dämlich war, den Titel nicht zu übersetzen, war mir nicht mal aufgefallen. Bei "Adaptation" vor 6 Jahren hatte es erstaunlicherweise geklappt: Der deutsche Titel war "Adaption".

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  3. Nun, ich kann's immerhin bestätigen: Clooney hält seinen Batman-Auftritt in der Tat für den Tiefpunkt seiner Karriere. So zumindest sagte er das mal in einer Pressekonferenz, die ich mit ihm erlebt habe :-)

    Grüße,
    Thomas / filmtagebuch.blogger.de

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  4. Ich habe eben nochmal nachgeschaut, es gibt in seiner Filmografie auch wirklich nichts vergleichbares. "Oceans Thirteen", Projekt: Peacemaker" oder Petersens "Sturm" sind auch keine Meisterwerke, aber kein Grund zur Scham für Clooney.

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