Der superste Film aller Zeiten

Woche 34/2008



Nu isser also da, der Superheldenfilm der Superlative: In den USA war es das erfolgreichstes Startwochenende, das es je gab, in mehr Kinos, als je ein Film gestartet ist, alle anderen bislang 2008 angelaufenen Filme wurden bereits überholt, nicht inflationsbereinigt steht der DARK KNIGHT an zweiter Stelle in der Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten (hinter TITANIC). Und die Kritik ist fast einhellig begeistert, das Tomatometer schlägt mit 94% aus. Platz 1 der imdb-Liste der bestbewertesten Filme hatte der schwarze Recke auch schon erklommen, zwischenzeitlich ist er aber auf Platz 3 zurückgefallen.
Die Kritik in Deutschland schließt sich hymnisch an, hier und da wird zwar ein wenig gekrittelt, aber spätestens bei der Darstellung des Joker durch Heath Ledger sind sich dann alle einig. Auch rekordverdächtig. Mindestens so: "Nie zuvor gab es eine so verstörende Clownsfigur" (Annette Stielike im Abendblatt). Diese Kombination von Kassenerfolg, überschwenglichen Kritiken und begeistertem Publikum dürfte auch wieder einzigartig sein, wer es wagt, den Film nicht gut zu finden, muss wiederum rekordverdächtig viel Prügel in Kommentarform beziehen.
Es geht bei all dem um einen Film über einen Mann, der sich ein Fledermauskäppi aufsetzt und hinter noch grotesker verkleideten Megabösewichtern her ist.
Christopher Nolan gibt sich offensichtlich, zum zweiten Mal, überaus viel Mühe, aus diesem Stoff einen sehr ernsthaften Film für ein erwachsenes Publikum zu machen, einen "Autorenfilm, der sich (...) ernsthaft mit individueller Ethik und gesellschaftlicher Moral, Recht und Gerechtigkeit, Terror und Antiterror, Wahrheit und Mythos auseinandersetzt" (Michael Bodmer in der NZZ). Eine eigentlich unlösbare und auch völlig unnötige Aufgabe, meine ich, das aus der Fledermausfabel herauszuholen, egal wie mitreißend die Darstellungskünste Ledgers auch sein mögen. Ich bin gespannt, ob ich, wenn ich aus dem Kino komme, auch vom grassierenden Gutfindenmüssen infiziert sein werde.
4 Passagen des 180-Millionen-Dollar teuren Films wurden, erstmals im Spielfilm, in der bestmöglichen Filmqualität gedreht, auf horizontal durchlaufendem 70mm-Film mit Imax-Kameras, das ergibt eine 10fach so große Auflösung wie beim herkömmlichen 35mm-Film. Sollte der DARK KNIGHT damit auch ein großes Publikum in die Imaxkinos ziehen, könnte das komplett in dieser Technik realisierte Filme in Zukunft zur Folge haben. Das Kino rettet sich mit überlegener Analogtechnik vor der digitalen Heimkinobedrohung. Ein Szenario, das mir Freude bereitet. Für die Imaxkopien wurden die 35mm-Partien Bild für Bild digital nachbearbeitet, um den Unterschied zum großen Format zu minimieren, projeziert wird eine komplette 70mm-Kopie. Bei uns allerdings nur im Cinestar in Berlin, im Nürnberger Imax gibt es dagegen nur eine Digitalprojektion. Gleich wieder vermurkst, die Rettungsaktion. Die Kinoprovinz hat eh kein Imaxkino, da läuft der Film in den gewöhnlichen Multiplexen, in gewohnter analoger Qualität, hoffentlich. Die amerikanische Originalfassung läuft im Streits und im Zeise.



Nur beim Originaltitel wird sofort klar, dass er sich auf Titel wie "Son Of Frankenstein" oder wahlweise "...Zorro", "...Dracula", "...Shaft", "...Robin Hood", oder "...Dr. Jekyll" bezieht. Es geht um zwei Jungen in den frühen 80ern, um Film- und Fernsehverbot in einer frömmelnden Familie und um RAMBO als verbotene Frucht, der die die zwei zum geschwedeten Remake inspiriert. Das soll eine sehr charmante, erfreulich unkorrekte, verspielte und liebevoll detailliert ausgestattete britische Komödie geworden sein, die ganz sicher nicht nur Kinder froh macht und darum auch in den Abendvorstellungen läuft: Im Cinemaxx, im UCI Othmarschen und im UCI Mundsburg. Ob das w hinten bei DER SOHN VON RAMBOW aus rechtlichen, inhaltlichen (Missverständnis der Jungen) oder beiden Gründen dazugekommen ist, weiß ich nicht.




Die Verfilmung des, na ja, Schelmenromans von Bohumil Hrabal, ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT muss gegen Batman antreten diese Woche. Die Regie bei dieser Tschechisch-Slowakischen Produktion führte Altmeister Jiri Menzel, der die Mär vom Kellner, der es unter deutscher Besatzung bis zum Millionär schafft, in eine freche und ironische Tragikomödie transportiert hat. Die Leichtigkeit, die Menzels frühe Komödien auszeichnete, soll angeblich auch diesen Film bestimmen, aber ich fürchte, das die Opulenz der Ausstattung dem etwas im Wege steht, wenn ich einen Blick in den Trailer werfe:


Doch die dazuploppenden Autos sind hübsch, oder? Und Hauptdarsteller Ivan Barnev hat etwas vom jungen Polanski. ICH HABE DEN ENGLISCHEN KÖNIG BEDIENT läuft im Holi und im Koralle.



Außerdem neu:

Noch ein Komödie mit tragischen Untertönen, aus Italien. Der Mittdreißiger Stefano, "Punk-Rocker"(Pressetext) fährt, nachdem er seine Freundin zuhause mit einem anderen Musiker erwischt hat, zurück zum Elternhaus nach Rimini, wo sich noch mannigfaltige Probleme seiner Geschwister entfalten dürfen. Geht natürlich gut aus und stimmt dann doch das Loblied auf die Familie an. Wahrscheinlich nicht schlecht gespielt wie inszeniert, für meinen Geschmack jedoch vermutlich etwas zu brav und gefällig.

Und ich wage zu bezweifeln, dass die eklektizistische Musikauswahl sonderlich geschmackssicher ist. NICHT DRAN DENKEN läuft im Abaton.



Eine Mozart-Marionette erwacht zum Leben und fährt mit einem Deutschen Jungen nach China, wo alles ganz anders ist und dann retten der Deutsche und ein Chinesischer Bub mit Mozart und Musik auch noch das traditionelle Schattentheater eines lieben Großvaters.
Muss ein unglaublich grauenvolles, betulich pädagogisches Machwerk sein, von dem man nur hoffen kann, dass es schnell wieder verschwindet, bevor allzu viele zu bemitleidende Kinder von ihren von Bildungsdünkel geplagten Eltern in die Vorstellungen geschleppt werden. Völkerfreundschaft und klassische Musik "kindgerecht" vermittelt, dass es einen schüttelt. Die eine Hälfte des Regieteams, Bernd Neuburger, hatte 2002 auch den unerträglich hölzernen und ungelenken SOMMER MIT DEN BURGGESPENSTERN verbockt. Die Mehrzahl der Kritiken fällt, wie oft bei miesen Kinderfilmen, positiv aus: Da werden andere, bzw. keine Maßstäbe angesetzt, MOZART IN CHINA ist ja eben nur für Kinder und läuft im Abaton und im Koralle.



Wöchentliche Provinzialitätsmessung:

Diese Woche startet anderswo außerdem CHANSON DER LIEBE, ein Parisfilm, in dem viel gesungen wird und der neue bayerische Heimatfilm RÄUBER KNEISSL. Bei uns laufen also 71 % der neuen Filme an. In Berlin laufen sie, wie immer, alle.



Weiterhin:



39,90 im Abaton und im Zeise.

HAPPY-GO-LUCKY nur noch nachmittags im Zeise und im Passage, das den Mike-Leigh-Film auch spät am Freitag und Samstag zeigt.

KÜSS MICH BITTE im Holi, nur noch um 18.00 Uhr.

DR. ALEMAN im UCI Mundsburg um 19.45 Uhr.

DER MONGOLE läuft im Abaton, im Fama und im UCI Wandsbek und ist zwar eine Augen-, aber keine Ohrenweide und leider doch etwas eindimensionaler und dumpfer, als ich gehofft hatte. Die geplanten weiteren Folgen werde ich mir sparen.

FLEISCH IST MEIN GEMÜSE im Alabama am Montag und Dienstag, außerdem am Mittwoch unter dem Dach der neuen Südtribüne im Millerntorstadion. Da laufen diese Woche außerdem der Coensche NO COUNTRY FOR OLD MEN (am Freitag, auch diese Woche noch ein paarmal im Magazin), BRÜGGE SEHEN UND STERBEN? (am Samstag), I´M A CYBORG BUT THAT´S OK (am Montag) und Gus van Sants MALA NOCHE in OmU (am Dienstag).

Im Schanzenpark läuft diese Woche draußen SWEENEY TODD (am Sonntag), RATATOUILLE (am Dienstag) und DEATH PROOF (am Mittwoch).

In Wilhelmsburg im Biergarten am Kanal: EASY RIDER (am Donnerstag), NORDSEE IST MORDSEE (am Freitag), HOTEL VERY WELCOME (am Sonntag), AALTRA (am Montag), MYSTERY TRAIN (am Dienstag) und DIE ABFAHRER (am Mittwoch).

Umsonst ist die Vorführung von Eastwoods MILLION DOLLAR BABY am Freitag auf dem Alsterdorfer Markt.

Und wer TÖDLICHE ENTSCHEIDUNG ("The Devil Knows You´re Dead") immer noch nicht gesehen hat, kann das auch diesen Sonntag im Abaton um 22.30 Uhr nachholen. OmU, als "2,99-Special".



Filme, die wir zum Glück nicht gesehen haben, Folge 22:

"Ein besonders stumpfsinniger Sexfilm, in allen Belangen letztklassig." Den Film mit dem legendären Filmlexikoneintrag habe ich natürlich auch nie gesehen. Aber hätte ich die Gelegenheit, würde ich das nicht zu überbietende Urteil schon gerne überprüfen.



Umsonst und zuhause:


In der Nacht von Donnerstag auf Freitag zeigt arte DER FILMER von Alain Cavalier, Jahrgang 1931. Ein filmisches Tagebuch, das über 10 Jahre hinweg von den Höhen und vor allem den Tiefen in einem ganz normalen Leben erzählt, von Kleinigkeiten und persönlichen Katastrophen. Um 00.30 Uhr, ShowView 5.989.551

Clint Eastwoods MILLION DOLLAR BABY, der dann doch viel mehr ist als ein Du-kannst-es-schaffen-Film, läuft diese Woche auch im Fernsehen, am Freitag um 20.15 Uhr auf Pro7. ShowView 56.056.731

Ebenfalls am Freitag läuft auf arte ein französischer Film in deutscher Erstaufführung: AN EINEM SOMMERTAG kippt ein Fußballtor um und das hat dramatische Folgen für eine ganze Reihe von Personen. Emotionaler, aber ruhig erzählter Coming-Of-Age-Film. Um 21.00 Uhr, ShowView 342.303

SHINOBI versucht den traditionellen japanischen Kampfkunstfilm an westliche Blockbuster anzupassen. Bombastische Inszenierung, ist bestimmt unterhaltsam. Um 20.15 Uhr auf RTL2 am Samstag. ShowView 6.822.217



Ebenfalls am Samstag läuft KIRGISISCHE MITGIFT, ein weiterer Culture-Clash-Film, der von einer Französin und der Familie ihres Verlobten in den kirgisischen Bergen erzählt. Kam November in die Kinos, allerdings nicht bei uns in der Kinoprovinz. ShowView 4.102.859

DIE KÖNIGE DER NUTZHOLZGEWINNUNG ist eine deutsche Komödie über Verlierer im Osten, die sich etwas Pfiffiges zum Gelderwerb einfallen lassen, ganz wie in GANZ ODER GAR NICHT. Ich hatte eine Bogen drum gemacht, soll aber tatsächlich ganz frisch und gelungen sein. Um 20.15 Uhr im ZDF am Montag, ShowView 6.566.767

Arte zeigt ebenfalls am Montag um 23.45 Uhr STURM ÜBER ASIEN, ein sowjetischer Klassiker von Pudowkin, von 1928, stumm. Gilt als teilweise rasant geschnittenes Meisterwerk, spielt mal nicht in Russland, sondern in der mongolischen Steppe und folgt offensichtlich keinem erkennbaren Propagandaauftrag. ShowView 5.348.019

SLITHER ist eine Horrorkomödie von 2006. Kommt zwar nicht an SHAUN OF THE DEAD ran, ist wohl aber auch recht vergnüglich. Diesmal sind es fiese Würmer, die für ein blutiges wie schleimiges Vergnügen sorgen. Auf RTL2 am Mittwoch um 22.30 Uhr, ShowView 597.824



Und wie immer gibt es außerdem noch jede Menge weitere sehenswerte Filme, vielleicht mag diese Woche beispielsweise jemand wieder mal Polanskis TESS mit Nastassja Kinski auf 3Sat sehen. Oder WILD AT HEART im Vierten. Oder CANNONBALL im Ersten. Wer suchet, der findet.



Kinos, Folge 40: Das Kant in Berlin-Charlottenburg

Ein schöner Saal von 1912 in der, ja, Kantstraße mit vier reingequetschten Schachteln, deren größte einmal die Garderobe war. Der kleinste "Saal" hat 22 Plätze. In den späten 70ern und Anfang der 80er leitete Conny Konzack das Haus und etablierte es als "Off-Kino", in dem auch zahlreiche Konzerte stattfanden. Auf der Bühne standen beispielsweise Bowie, Blondie, The Police und U2. Auf einer Platte der Simple Minds von 1980 befindet sich ein Instrumental mit dem Titel "Kant-Kino", die einfachen Gemüter waren wohl auch mal zu Gast. Konzack führte außerdem noch eine Konzertagentur und war Manager von Ideal und später auch der Ärzte; mit einer desaströsen Extrabreit-Tour und den gigantonomischen Wiederaufführungen von "Napoleon" übernahm er sich und machte 1983 Konkurs. Mit Musik im Kant war damit Schluss, seitdem versorgt das Haus das Charlottenburger Publikum mit gepflegter Arthouse-Ware. 2001 war es ein zweites Mal so gut wie vorbei, der damalige Betreiber, die Kinowelt, war bankrott, der Weiterbetrieb wurde ermöglicht von Wim Wenders, dem Verleiher Christoph Ott und den Betreibern der Kinos in den Hackeschen Höfen. Hoffen wir, dass es die derzeitige Kinokrise auch noch überlebt.



Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden auf diese Seiten führte: "drogenbosse belgien".

Kommentare:

  1. Nach dem Kinobesuch von "Sturm über Asien" trat mein Vater 1929 als 15jähriger in die Kulturgruppe Döblin ( Wien) der Kommunistischen Partei ein. Das lief dann so ab: Einer zeigt auf:"Genosse Vorsitzender, muss man Schiller als Reaktionär betrachten?" daraufhin gibt der Genosse Vorsitzende die Parteilinie zu Schiller bekannt. Thema beendet. Schade! Da trat er dann wieder aus und landete über die "Nationalbolschewiken" beim linken Flügel der Nazis.....
    Als ich den Film als Jugendliche das erste Mal sah, war ich total überwältigt, verkniff es mir aber zeitlebens in ein Partei einzutreten. Wer weiß, wo man dann landet! Marina

    AntwortenLöschen
  2. Kaum von Herrn Kinoprovinz empfohlen, lief der Film auch gleich im Videoclub. Zum Kommunisten mutiert ist aber doch keiner der Anwesenden; entweder waren sie es schon vorher, oder die zahlreichen Längen des insgesamt natürlich sehenswerten Films haben sie davon abgehalten.

    AntwortenLöschen
  3. Ach ja, "Dark Knight" habe ich auch gesehen. Bin etwas ratlos, was mein Gesamturteil angeht. Schlecht war's sicher nicht, aber so richtig begeistert bin ich auch nicht. Vor allem war mir der Film zu lang. Die Dramaturgie eines Actionfilms (Krise, Krawumm, 15 Minuten normale Handlung, neue Krise, großes Krawumm, 15 Minuten normale Handlung, noch ne Krise, Riesenkrawumm ...) reicht einfach nicht für zweieinhalb Stunden aus. Tja, und außerdem fand ich Batman als Figur schon immer scheiße, was soll man da machen?

    AntwortenLöschen