Gute deutsche Filme!

"Der Kopierprozess ist so mangelhaft. Man bekommt einfach nicht diese Art der konstanten Qualität bei einer Kopie. Und sie verschlechtert sich sofort, nach dem sie die ersten paarmal abgespielt wurde. Also liebe ich die DVD. Ich hoffe, dass sie oder etwas ähnliches Film ersetzen wird. Je schneller, desto besser."

William Friedkin, 2001



Woche 2/2009 (8.1. - 14.1.)

Die Neustarts:




James M. Cains Roman "The Postman always rings twice" ("Die Rechnung ohne den Wirt") wurde bereits dreimal verfilmt: Von Luchino Visconti (1943), von Tay Garnett, mit Lana Turner und John Garfield (1946) und von Bob Rafelson, mit Jessica Lange und Jack Nicholson (1981). Es ist die Geschichte vom wackeren Einwanderer, der sich ein Geschäft aufgebaut hat, von seiner viel zu schönen Frau und von dem armen, gutaussehenden Schlucker, der eine Chance bekommt und sie weidlich ausnutzt.
Die aktuelle Filmversion heißt JERICHOW und stammt überraschenderweise von Christian Petzold, dem vielgeliebten und -gelobten Regisseur von YELLA, WOLFSBURG und bereits sechs (!) weiteren Filmen, die mehrheitlich direkt für´s Fernsehen produziert wurden und sie spielt im deutschen Osten. Der wackere Einwanderer heißt Ali und betreibt eine Kette von Imbissen, die schöne Frau ist, wie immer bei Petzold, Nina Hoss und den Schlucker gibt Benno Fürmann. Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt, was in den überaus zahlreich erschienenen Kritiken steht, dann ist Petzolds Adaption der beste deutsche Film des Jahres 2009. Denn auch wenn die "deutsche Wirklichkeit" und "der globalisierte Kapitalismus" vielleicht doch nicht eine so große Rolle spielen, bleibt mit Sicherheit eine sehr souverän, elegant wie intelligent erzählte Noir-Geschichte mit überragender Kameraarbeit und tollen Schauspielern. Das reicht doch schon. In Venedig lief er im Wettbewerb und wurde auch international sehr positiv aufgenommen.
Petzold im Interview mit dem Tagesspiegel, auf die Aussage, dass JERICHOW mit vielen Leerstellen erzählt werde: "Man sollte die Regisseure, die immer alles ausfüllen, mal fragen, warum sie diesen Scheiß machen. Das ist für einen Zuschauer gedacht, dem man jede Assoziationskraft abspricht. Es hat auch mit Respekt zu tun, wenn sich der Zuschauer zu spärlichen Informationen etwas dazu denken muss. Deshalb ist die Leerstelle nicht leer, sondern ein Resonanzraum." Und weiter: "Ich verstehe nicht, warum deutsche Filme dem Zuschauer so wenig zutrauen. In den meisten Filmen sind 50 Prozent der Dialoge vollkommener Unsinn – im Fernsehen sogar 80 Prozent. Diese Dialoge sind nur an uns Zuschauer gerichtet. Deshalb arbeite ich so lange an einer Szene, bis das Gespräch nur den Figuren gehört."
Der weiß, was er will. Und beherrscht seine Mittel, wie er zu Genüge bewiesen hat. Ich freu mich drauf. Und wünsche ihm diesmal auch einen größeren kommerziellen Erfolg.
JERICHOW läuft bei uns aber leider nur im Holi und im 3001. Und hier andernorts.





Und noch ein deutscher Film, der durchaus vielversprechend zu sein scheint und einen hübschen Titel hat: ALTER UND SCHÖNHEIT. Vier Männer um die 50 kommen aus traurigem Anlass nach langer Zeit wieder zusammen: Einer von ihnen ist schwer erkrankt. Und dann geht es um die vielen kleinen Dinge, um alte Platten und alte Träume, um eine alte Liebe, eben um das richtige Leben. Großes Drama fällt aus, dafür gibt´s viel Atmosphäre und die Schauspieler Henry Hübchen, Armin Rohde, Burghart Klaußner und Peter Lohmeyer. Regie führte Michael Klier, der auch FARLAND und OSTKREUZ gemacht hat. "In den todernsten Plot trägt die Besetzung etwas erfrischend Unernstes hinein. Alles wirkt überraschend luftig, leichter als Kliers frühere Arbeiten", schreibt Martina Knoben in der Süddeutschen. Könnte also so richtig gut sein.
ALTER UND SCHÖNHEIT läuft im Passage, im Abaton und im Koralle. Und andernorts auch.





Und dann startet diese Woche auch noch DIE PERLMUTTERFARBE, ein deutscher Kinderfilm, der auch was zu taugen scheint. Und darum, wie alle guten Kinderfilme, auch für Erwachsene interessant ist. Es geht um Lügen und Erpressung und Sündenböcke unter Siebtklässlern und um die Vorahnung von Nazideutschland: Der Film spielt an einer Schule in einer bayerischen Kleinstadt, 1931. Er beruht auf einer Vorlage von Anna Maria Jokl, Regie führte Marcus H. Rosenmüller (WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT). Scheint souverän umgesetzt worden zu sein und sich irgendwo zwischen dem FLIEGENDEN KLASSENZIMMER und der WELLE zu bewegen, ohne die plumpe Didaktik des letztgenannten Films zu übernehmen. Und Josef Hader ist in einer Nebenrolle auch dabei.
PERLMUTTERFARBE läuft im UCI Mundsburg und im Koralle. Und in diesen Städten.




Außerdem neu:



Eigentlich eine sehr schöne Idee: Ein Paparazzo und ein Fan wollen, getrennt voneinander, das Promipaar Brad Pitt und Angelina Jolie in Berlin abschießen, treffen zu diesem Zweck in der selben Dachwohnung aufeinander, zu der sie sich unerlaubt Zutritt verschaffen und werden fortwährend durch allerlei Frauen gestört, die offenbar alle vom Eigentümer Schlüssel erhalten haben. Nur ist der Regisseur kein Billy Wilder, sondern nur Hans-Christoph Blumenberg, der in den Achtzigern vom Filmkritiker der Zeit ins Regiefach wechselte, mit allerdings weit weniger Erfolg als einst die französischen Kollegen der Cahiers du Cinéma. Und in den Hauptrollen spielt auch keiner vom Format eines Jack Lemmon oder Tony Curtis.
WARTEN AUF ANGELINA sollte man sich bei Interesse vielleicht eher irgendwann im Fernsehen anschauen. Sieht da eh besser aus: Gedreht wurde nur auf Mini-DV in einer Auflösung, die auf der großen Leinwand zu grottigen Bildern führt. In Hamburg läuft die Komödie im Abaton. Hier die weiteren Städte.



Und: Ein Abklatsch der Inarittu-Filme wie 21 GRAMM als Starvehikel für Will Smith: SIEBEN LEBEN scheint ein bedeutungsheischender Quark zu sein, der dem Multiplexpublikum mit Verrätselungen und einer nicht ganz simplen Erzählstruktur ungewohnt viel zumutet, dann aber volle Kanne in den dümmsten Mainstream mündet und das auch noch ärgerlicher- wie ekelhafterweise wohl religiös verbrämt. "SIEBEN LEBEN bewältigt die nicht unerhebliche Aufgabe, zugleich schmerzhaft vorherhersehbar, als auch lächerlich bis an die Grenze zur Demenz zu sein. Anders ausgedrückt: Wenn du absiehst, wie es weitergehen muss und in den 'Nein, das können die doch nicht machen'-Modus fällst, gewöhn Dir diesen Unglauben ab. Sie können es nicht nur, sie machen es auch." Schreibt Ken Hanke im Mountain Xpress.
Im Original sind es im Titel übrigens keine sieben Leben, sondern sieben Pfund. Auch nicht verständlicher.
SIEBEN IRGENDWAS läuft in sämtlichen Multiplexen und im Streits OF. Und hier auch überall.




Und: Teil drei der erfolgreichen Action-Serie aus Frankreich, der es zum Neid der hiesigen Filmindustrie gelingt mit Hollywood-Blockbustern mitzuhalten. Jason Staham gondelt wie gehabt mit einer hübschen Frau durch die Gegend. Geballer galore, versteht sich. Die computeranimierten Action-Sequenzen sollen wie derzeit üblich völlig unverständlich geschnitten sein, aber wenigstens halte die Kamera still, die Action dürfe zur Abwechslung mal wieder ausschließlich vor der Linse stattfinden, meint Roger Ebert. Wer das Genre mag, wird auf seine Kosten kommen. TRANSPORTER 3 läuft in sämtlichen Multiplexen, überall.




Und: THE WARLORDS ist ein bombastischer, starbesetzter chinesischer Kostümschinken mit viel Zeitlupe und Orchestergedonner. Unerfreulicherweise sollen dabei die Kampfszenen keine Spur von gewohnter asiatischer Virtuosität aufweisen, sondern recht brachial inszeniert sein. Aber wenigstens kommt das nicht nicht so doof mit gaanz schönen Bildern daher, wie die jüngsten Zhang-Yimou-Opern. Bei imdb hat er immerhin die beachtliche Durchschnittsnote 7,3. Trotzdem wohl nur für Freunde von Schlachtengemälden geeignet. Läuft im UCI Wandsbek. Und hier andernorts.


Wöchentliche Provinzialitätsmessung:

Anderswo startet diese Woche auch nicht mehr. Das geht ja gut los, dieses Jahr.



Weiterhin:



SO FINSTER DIE NACHT spät im 3001 und spät im UCI Othmarschen. Letztes Wochenende in der Spätvorstellung zeigte sich da das Multiplexpublikum etwas irritiert. Einige Kicher- und Quatschtanten gingen raus ("boah wie langweilig"), die Mehrheit war aber offenbar gefesselt von dem optisch wie inhaltlich sehr ungewöhnlichen Film an diesem Ort. Als der Abspann lief, platzte eine Frau hinter uns raus: "Das war der schlechteste Film, den ich je gesehen habe". Ihr Begleiter entgegnete: "Das war der beste Film, den ich je gesehen habe". Die werden keinen tollen Abend mehr gehabt haben.
Lange wird er nicht mehr laufen. Geht rein, es lohnt sich.

O´HORTEN im Abaton und im Zeise.

EL BAÑO DEL PAPA nur noch nachmittags im 3001.

VICKY CRISTINA BARCELONA im Abaton OmU (Untertitel unbedingt empfehlenswert. Ich möchte gar nicht wissen, wie sich das in der Synchronisation anhört, wenn Javier Bardem seine spanisch schimpfende Ex (Penelope Cruz) unentwegt anfährt: "Speak English!" Von den Akzenten ganz zu schweigen.), außerdem im Magazin, Zeise, Holi, Blankeneser, Alabama, UCI Mundsburg und im Streits OF.
Klischees bis zum Abwinken, auf allen Ebenen und dabei seltsamerweise trotzdem ein großes Vergnügen.

WALTZ WITH BASHIR nur noch in Sonntagsmatineen im Zeise und im Abaton.



Außer der Reihe:



Im B-Movie gibt´s das trashige Original-Todesrennen zu sehen: DEATH RACE 2000. Mit David Carradine und Sylvester Stallone, von 1975. Bescheuert natürlich, macht aber viel Spaß.

Im Metropolis: Weiter geht´s mit Lynch, Lubitsch und Jansens Kino.



Dies und das:


Neulich habe ich hier noch seinen Lieblingsfilm vorgestellt, da war er kurz davor in Hamburg auf Lesereise und erweckte den Eindruck, er würde noch mindestens weitere zwanzig Jahre im Mordstempo schreiben. Silvester ist Donald E. Westlake plötzlich gestorben, im Urlaub in Mexiko, an einem Herzinfarkt. Sarah Weinmann hat schöne Abschiedsworte gefunden und zu all den erschienenen Nachrufen verlinkt. Wer ihn nicht einmal kennt, aber Gefallen am Krimi-Genre hat, dem seien die Romane, die er unter seinem Namen und unter anderem als Richard Stark und Tucker Coe veröffentlicht hat, noch einmal wärmstens empfohlen.



Harry Rowohlt auf meine Frage nach seinem Lieblingsfilm:

"HI-HI-HILFE! (Help! R.: Richard Lester, 1965)"

Der zweite Beatlesfilm, wieder von Lester, mit einem deutlich höheren Etat ausgestattet als der erste. Nach dem großen Erfolg von A HARD DAY´S NIGHT hat es diesmal nicht nur für Farbe, sondern auch für Drehorte wie die Bahamas und die Alpen gereicht. Eine völlig überdrehte Agentenfilmparodie, in der die vier von Hohepriestern einer Sekte und später einem wahnsinnigen Wissenschaftler verfolgt werden. Der Film blieb immer ein wenig im Schatten des Vorgängers, hatte aber immensen Einfluss auf Musikfilme und Videoclips und war etwas gänzlich Neues in seiner Darbietung von Pop-Ruhm als abendfüllender Veranstaltung, aufgepeppt mit repektlosem Witz und schnellen Schnitten.
Die Beatles haben sich wenig und wenn dann wenig enthusiastisch über HELP geäußert. Ein geplanter dritter Film wurde kurz nach dem Abschluss der Dreharbeiten abgesagt.

John Lennon: "Der Film geriet außer Kontrolle. Bei A HARD DAY´S NIGHT waren wir inhaltlich viel beteiligt und es war semi-realistisch. Aber bei HELP hat uns Dick Lester nicht gesagt, worum es da eigentlich geht. Im Rückblick verstehe ich, wie weit das seiner Zeit voraus war. Es war ein Vorgänger des Batman 'Pow! Wow!' im Fernsehen - so Zeugs. Aber er hat´s uns nie erklärt. Zum Teil vielleicht, weil wir uns nicht viel gesehen haben zwischen A HARD DAY´S NIGHT und HELP und zum Teil, weil wir in der Zeit zum Frühstück Marihuana geraucht haben. Mit uns konnte man nicht reden, da gab´s die ganze Zeit nur glasige Augen und Gekicher. In unserer eigenen Welt. Man hatte die meiste Zeit nichts zu tun, musste aber trotzdem um sieben aufstehen, also langweilten wir uns bald."

Im Gegensatz zu A HARD DAY´S NIGHT ("Yeah Yeah Yeah") soll die deutsche Synchronisation trotz oder wegen etlicher genommener Freiheiten bei der Übersetzung durchaus gelungen sein. Das lässt sich zur Zeit aber nicht überprüfen, da die vor einem Jahr endlich erschienene, leider sauteure deutsche DVD-Ausgabe seltsamerweise die deutsche Sprachfassung nicht enthält.
Hier der Trailer:


Harry Rowohlt ist der einzige Übersetzer, dessen Name vorne auf die Buchumschläge gedruckt wird. Und zwar nicht nur, wenn keine Sau den Autoren kennt, sondern auch bei so einem Titel. Es ist fraglich, ob´s das irgendwo auf der Welt ein zweites Mal gibt.
Den Ruhm verdiente er sich als begnadeter Vorleser und Vortragskünstler, als Kolumnenschreiber und Rezensent, als missionarischer Fürsprecher von ihm verehrter Autoren wie Flann
O´Brien, Shel Silverstein oder A. A. Milne und vielleicht war auch sein regelmäßiges Auftreten in einer Nebenrolle einer bekannten Fernsehserie nicht völlig unerheblich.
Seine Lesungen, die zur Zeit leider nur noch selten stattfinden, sind lang und legendär, da sitzt dann ein sehr haariger und sehr großer Mann auf der Bühne, der viel trinkt und mit seiner erstaunlich variantenreichen sonoren Brummstimme eigene und selbst übersetzte Texte zum Besten gibt, falls er nicht gerade von ewas ganz anderem zu erzählen anfängt. "Der Paganini der Abschweifung" heißt ein Hörbuch, das einen Eindruck von solchen Abenden vermittelt. Von ihm eingelesene Hörbücher gibt´s ohnehin jede Menge, wer noch nie "Pu der Bär" gehört hat, sollte sich was schämen.
Eine Rechtfertigung dafür, mit seinem Namen die von ihm übersetzten Bücher zu bewerben, könnte man in der garantierten Qualität und Komik der Texte finden: Das liest sich immer gut, machmal, wie bei David Sedaris, eindeutig besser als das Original. Aber sein eigener Tonfall, der oft die Bücher prägt, ist nicht unumstritten, Kritiker wie sein Kollege Carl Weissner werfen ihm vor, er habe die Neigung, möglichst obskure Begriffe zu verwenden. "Ich meine dieses Kaiser-Wilhelm-Deutsch, das Harry Rowohlt aus unerfindlichen Gründen witzig findet, bei dem steht in jedem zweiten deutschen Satz das Wort 'hinwiederum' oder 'obzwar', 'obschon'. Das normale Wort wird ungern benutzt, weil es anscheinend als verbraucht gilt, als Unterschichtsdeutsch, man hat ja Abitur."
Andererseits verschafft uns das aber auch so schöne Ausdrücke wie "sich verfatzen" oder "mit der Plempe beharkt werden". (Aus der "Grünen Wolke", die übrigens nur im deutschen Sprachraum ein Kinderbuchklassiker ist, nicht im englischen, und das ist ganz allein Harry Rowohlts Verdienst)
Seine Kolumnen tragen den Titel "Poohs Corner - Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand" und erscheinen höchst unregelmäßig seit 1989 in der Zeit. Leider sind zur Zeit alle Kolumnensammlungen in Buchform vergriffen, aber problemlos antiquarisch zu bekommen. Und online lässt sich auch eine Menge finden. Es sind aber eine Reihe weiterer Titel lieferbar, unter anderem einige hübsche Versbände mit Bildern von Rudi Hurzlmeier und eine Sammlung seiner Briefe, in denen er sich nicht immer von besonders sympathischer Seite zeigt. Da wird auch mal mit großkalibrigen Waffen auf unbedarfte Leser geschossen, die es gewagt hatten, ihm zu schreiben. (Zu mir war er ausgesprochen nett, als ich ihn wegen seines Lieblingsfilms belämmert habe. Wieder Glück gehabt.) Im Frühjahr erscheint ein zweiter Band. Einen freundlicheren Eindruck hinterlässt die dahingeplauderte Autobiographie, eine Aufzeichnung von Geprächen mit Ralf Sodtschek.

Filmkritiken hat er auch geschrieben (auch in den Pooh´s-Corner-Bänden enthalten), und die sind ganz besonders reizvoll, da er sich keinen Deut um irgendwelche Konventionen schert und frei losassoziiert, erstmal einen Witz reißt, sich über die Buchvorlage oder andere Filme auslässt, eine passende Anekdote erzählt und nicht zwingend mehr als einen Satz zum Film schreibt, um den es eigentlich geht. Wenn die Aufgabe eigentlich ganz klar definiert ist, machen die Abschweifungen am meisten Spaß. Subjektiver geht´s nicht, besser geschrieben und komischer aber auch nicht und darum macht ihm das keiner so schnell nach. Auch nicht heutzutage in der Blogosphäre, in der eine solche Haltung fast zum Standard geworden ist.

Eine Beispiel von 1988, allerdings mal abschweifungsfrei:

"Der Ärger mit GORILLAS IM NEBEL ist, dass es stundenlang dauert, bis der erste Nebel in Sicht kommt, von den ersten Gorillas ganz zu schweigen. In DER BÄR dagegen gibt es von Anfang an reichlich Bär. Wenn man also, um es noch didaktischer zu sagen, ins Kino geht, weil dort ein Film gegeben wird, der DER BÄR heißt, und man verspricht sich davon einen Film mit viel Bär, so ist man in DER BÄR im richtigen Film. Bär satt.
Und abgesehen von der richtigen Dosierung - mehr Bär -, ist Jean-Jaques Annaud (AM ANFANG WAR DAS FEUER, DER NAME DER ROSE) wirklich ein Kunststück gelungen: Echte Bären spielen echte Bären, was nicht ganz einfach ist, da Bären als Einzelgängern ein mimisches Instrumentarium zu Gebote steht, das sich zwischen Buster Keaton und Clint Eastwood bewegt. So konnte man von 300.000 Metern belichteten Films (Schnitt: Noëlle Boisson) nur ein Prozent verwenden, und nun spielen die Bären himmelhoch jauchzend/zu Tode betrübt, bleiben dabei aber immer fair; kurz, sie benehmen sich wie Fans des FC St.Pauli. Und die Rocky Mountains werden von den Dolomiten gespielt, die ich vorher noch nie so überzeugend gesehen hatte. A little bit grizzly, aber in Kodiak-Color."


Und ein Film, den wir zum Glück nicht gesehen haben:


1991 hat Richard Lester mit Paul McCartney erneut zusammengearbeitet: Ein konventioneller Konzertfilm mit wohl recht wahl- und lieblos eingestreuten Archivaufnahmen vom Vietnamkrieg, den Beatles und allem möglichen anderen Zeugs, die wohl auf tumbe Weise für mehr Relevanz sorgen sollten. Traurig, vor allem weil es Lesters letzter Film war. 18 Jahre lang hat er nichts mehr gemacht. Am 19.1. wird er 77.



Umsonst und zuhause:


Am Freitag:

Ein Projekt, das Heike Makatsch gemeinsam mit Johanna Adorjan entwickelt hat. Zwei Schwestern im Urlaub, eine schon über dreißig (Makatsch), die andere noch ein Teenie (Anna Maria Mühe) und die gemeinsame Zeit bewirkt bei der Älteren natürlich irgendwelche wesentlichen Veränderungen. Klang alles nicht schlecht, aber auch nicht berauschend, als der Film vorletztes Jahr in die Kinos kam, aus denen er sehr schnell auch wieder verschwunden war. SCHWESTERHERZ ist ein klarer Fall von "Vielleicht mal im Fernsehen" und dazu ist um 21.00 bei arte die erste Gelegenheit. ShowView 6.070.248


Am Samstag:

Sigourny Weaver als Psychologin und Holly Hunter als Polizistin jagen einen Serienmörder. Und werden, wenig überraschend, selbst bedroht. Der Thriller von 1995, Regie Jon Amiel, erfüllt und unterläuft die Genrekonventionen. Auf jeden Fall einen Blick wert. COPYKILL, so der Fernsehtitel, im Ersten um 00:55 Uhr, ShowView 31.600.362


Am Sonntag:

CHANSON D´AMOUR fanden alle ganz toll vor zwei Jahren, ich hatte aber keine Lust mir von Gérard Dépardieu was vorsingen zu lassen. Jetzt lässt sich überprüfen, ob die komische Herzschmerzgeschichte um einen abgehalfterten Sänger wirklich so mitreißend ist. Im Ersten um 23:30 Uhr. ShowView 2.231.546


Auch am Sonntag:

Eine formal wie inhaltlich sehr interessante Dokumentation aus Brasilien von João Moreira Salles. Einerseits die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit des Filmemachers durch das Portrait eines bei der Familie jahrzehntelang angestellten Butlers, andererseits eine Reflektion über die Frage, wie weit man mit den Mitteln des Films bei solchen Vorhaben eigentlich kommt. Das ursprüngliche Dokumaterial mit dem Butler stammt von 1992, der filmische Essay, dem es als Rohmaterial dient, entstand 15 Jahre später. SANTIAGO, auf arte um 23:50 Uhr, ShowView 7.119.661


Am Montag:

Ein Familiendrama mit Josef Hader, das in der Uckermark spielt. Thomas Groh fand es "unaufgeregt und sympatisch". Er schrieb weiter im filmtagebuch: "... im wesentlichen ist er eine Art unschuldiger Liebesfilm, dem zuweilen vor allem auch dank der hervorragenden Darsteller einige hinreißende Momente gelingen. Dass sich der Tonfall weder zum Schnulz, noch zur Theoretisierung neigt, ist dabei ein vielleicht nicht immens wichtiges, aber doch schon bemerkenswertes Detail." JAGDHUNDE läuft zum ersten Mal im Fernsehen zu gewohnt mieser Zeit, im ZDF um 00:15 Uhr, ShowView 6.466.416


Am Dienstag:

Das Drama von George Clooney über wackere Fernsehjournalisten zu Zeiten von Senator McCarthy, wohl nicht ganz so gut wie gutgemeint, aber in jedem Fall sehenswert. GOOD NIGHT AND GOOD LUCK auf N3 um 23:00 Uhr, ShowView 736.145


Am Mittwoch:

Nach SYMPATHY FOR MR. VENGEANCE und OLD BOY der dritte Teil von Park Chan-Wooks furioser Rache-Trilogie: LADY VENGEANCE. Manchmal grotesk komisch, immer visuell meisterhaft und spannend sowieso. Sein jüngster Film soll eine Komödie sein und ist im Oktober regulär in den Kinos Koreas gestartet. Ich bin sehr gespannt. Im Ersten um 00:35 Uhr, ShowView 6.462.311


Auch am Mittwoch:

Für alle, die es letztes Mal verpasst haben, noch einmal die bemerkenswerte Trilogie von Lucas Belvaux von 2002. Drei Filme aus drei verschiedenen Genres, eine Komödie, ein Thriller und ein Melodram, deren Geschichten auf eine völlig neue Art miteinander verwoben sind. Jeder Film funktioniert auch einzeln, enthält aber jeweils einige erzählerische Lücken, die erst durch die beiden anderen Trilogieteile geschlossen werden. Zusammen soll das einen vierten Film im Kopf des Betrachters ergeben. Gesehen habe ich nur die nette Komödie mit Lubitsch-artigen Verwirrungen um einen hypochondrischen Geschäftsmann und seine von Ornella Muti gespielte Ehefrau. "(...) ein seltsamer Hybrid, der weder Spielfilm noch Serie, weder Fernsehen noch Kino ist. Ein Ausreißer, vielleicht. Oder der tastende, unsichere Beginn eines neuen filmischen Erzählens", schrieb Andreas Kilb über das gesamte Projekt in der FAZ.
Der
BR zeigt die Filme auch wieder in falscher Reihenfolge, aber das macht eigentlich nix.
Trilogie Teil 2: EIN TOLLES PAAR (Komödie) am 14.1. um 23:40 Uhr, ShowView 1.734.171
Trilogie Teil 1: AUF DER FLUCHT (Thriller) eine Woche später am 21.1. um 23:45 Uhr, ShowView
2.840.082
Trilogie Teil 3: NACH DEM LEBEN (Melodram) noch eine Woche später am 28.1.


Wie immer gibt es außerdem noch viele weitere sehenswerte und wohlbekannte Filme im Programm, beispielsweise BULWORTH, MEIN LEBEN IN ROSAROT, TEMINATOR 3, DIE LETZTE VERFÜHRUNG, KIKA von Almodovar, BLOOD WORK von und mit Eastwood und Greenaways DER KOCH, DER DIEB, SEINE FRAU UND IHR LIEBHABER. Wer suchet, der findet.



Kinos, Folge 57: Das Tuschinski in Amsterdam






Ein eklektizistischer Kinotraum, da mischt sich Art Déco und Jugendstil mit Expressionismus, da gibt es von allem zuviel, eine gigantische, unwiderstehliche und völlig einzigartige Geschmacklosigkeit. Benannt ist es nach dem Auftraggeber des Baus, dem Polen Abraham Tuschinski, der sich ab 1910 in den Niederlanden ein kleines Kinoimperium aufgebaut hatte. Der Prachtbau von 1921 war der Höhepunkt und krönende Abschluss seiner Kinobauten, die Erfüllung eines Lebenstraums. 1944 wurde er in Auschwitz ermordet.
Heute präsentiert sich das Kino so funkelnd und erlesen, so perfekt bis ins kleinste Detail wie zu seiner Eröffnung: Es wurde mit Riesenaufwand vor wenigen Jahren minutiös renoviert und rekonstruiert. Die Erweiterungsbauten im Hof mit zusätzlichen Sälen wurden geschickt an das Originalfoyer angeschlossen.
Es gilt als eine der Sehenswürdigkeiten in der Stadt und dürfte das einzige Kino Europas, wenn nicht der Welt sein, das tagsüber Führungen für Touristen anbietet. Empfehlenswerter ist freilich der gewöhnliche Kinobesuch, zumal in den Niederlanden selbst die Blockbuster mit Untertiteln gezeigt werden (Was haben die für ein Glück).
Wer mehr vom Haus sehen will, wird hier fündig. Der Kollege Roloff de Jeu hat sich viel Zeit genommen.



Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden aus Berlin auf diese Seiten führte: "hanna schygulla ist doof".


Kommentare:

  1. Nanu, da hat sich der Trailer von Das wandelnde Schloss hineingemogelt, wo es eigentlich um Lady Vengeance geht ...

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