Der Himmel ist rot, die Schwester streng und der Geist maskiert

"Der größte Stress für mich ist es immer, mindestens einen deutschen Spielfilm fürs Forum zu finden. Wir haben sicher 50 deutsche Spielfilme gesehen. Und nur einen genommen."

Christoph Terhechte, Leiter des internationalen Forums des jungen Films, letzte Woche vor Beginn der Berlinale


Woche 6/2009 (5.2. - 11.2.)

Die Neustarts:




Letzte Woche habe ich schon Schelte bezogen, weil hier zu viele Filme "über und für Kinder" vorgestellt würden und jetzt geht das schon wieder so los. Und dabei scheint es sich hier keineswegs um ein Meisterwerk zu handeln, nur um einen kleinen, feinen Film, der sensibel und unsentimental die Geschichte eines Jungen erzählt, der durch einen Unfall erblindet und in einem autoritär geführten Blindenheim in den frühen siebziger Jahren in Genua gegen alle Widerstände ein besonderes Talent bei sich entdeckt. Der Titel ist toll: ROT WIE DER HIMMEL. Und gut gespielt und gefilmt scheint's auch zu sein. Wenn auch ein wenig zu brav: "Dass Konflikte miniaturisiert werden, (...) deutet allerdings auf einen Mangel an kreativem Mut beim Autor wie beim Regisseur hin. Mut, der einen guten Kinderfilm zu einem besonderen gemacht hätte", schreibt Sascha Koebner im filmdienst.
ROT WIE DER HIMMEL läuft nachmittags im Abaton. Hier die Kinos andernorts.




Außerdem neu:




Ein "tiefgründiges Familienpsychogramm", ausgezeichnet mit dem "Prädikat wertvoll": Der Architekt Winter fährt samt Familie zur Beerdigung seiner Mutter in eine grau-weiße Winterlandschaft in die Alpen, wo sich wieder einmal allerlei Abgründe in der bürgerlichen Familie auftun. Könnte natürlich, so wenig neu das auch klingt, durchaus ganz hübsch sein; eisige Landschaften haben von FARGO über DAS SÜSSE JENSEITS bis hin zum EISSTURM schon manchem Film gute Dienste geleistet und die Darstellerriege in diesem Debüt kann sich sehen lassen: Der allgegenwärtige Josef Bierbichler, Sophie Rois, Sandra Hüller, Matthias Schweighöfer, Hark Bohm ...
Einige Kritiker zeigen sich auch schwer beeindruckt ("Was für ein wunderbar herzenskluges, mutiges, berührendes Kammerspiel im Schnee", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung); andere dagegen führen Argumente an, die alle meine Vorurteile bestätigen: "Hier entwickelt sich in gehobener Tonlage alles so stereotyp und determiniert wie sonst nur in einer Daily Soap", meint Ulrich Kriest, der auch von einer "platten" und "symbolisch überfrachteten" Geschichte schreibt. Und es wird "alles bis ins Letzte ausbuchstabiert – und dann auch noch ausagiert", so heißt es weiter im filmdienst. Gegen das "bleierne Drehbuch-Szenario" könne auch die "herausragende" Besetzung nichts ausrichten. Aber die bedeutungschweren Schneelandschaftbilder in DER ARCHITEKT seien immerhin sehr gelungen. Mich schreckt das ausreichend ab, Euch vielleicht nicht; wenn ihr Bierbichler & Co eine Chance geben wollt, geht ins Abaton. Oder in ein Kino anderswo.



Die Verfilmung eines Theaterstückes über Auseinandersetzungen zwischen einer konservativen Ordensschwester und einem modernen Pfaffen an einer katholischen Privatschule im New York der sechziger Jahre. Erregte Diskussionen in düsteren Gemäuern. Ogottogott. Ein Oscar-Unternehmen par excellence, versteht sich, fünf Nomierungen sind's, unter anderem für Meryl Streep als strenge Schwester. Der streitbare Geistliche ist leider Philipp Seymour Hoffman, den ich in dieser Rolle nun wirklich nicht sehen will. Das öde Kammerspiel findet sogar der katholische filmdienst sterbenslangweilig: "Trotz reizvoller Ansätze bleibt unterm Strich kaum mehr als ein konventionelles Kokettieren mit dem Sujet." Interessanter sind mit Sicherheit die täglichen Nachrichten von den realen und heutigen Dramen über Rück- und Fortschritt der katholischen Kirche. Wieso steht der Papst so weit in seiner muffigen Ecke, dass er da bewegungsunfähig eingeklemmt ist? Aus Dummheit? Aus Überzeugung? Oder wurde er absichtlich falsch beraten? Und wer spielt ihn später im Biopic? Anthony Hopkins? GLAUBENSFRAGE läuft im Passage und im UCI Mundsburg. Und hier andernorts.




Mit meiner Abneigung gegen SIN CITY, der Adaption von Frank-Miller-Comics, bei der er selber zusammen mit Roberto Rodriguez Regie führte, fühlte ich mich vor vier Jahren recht allein. Freunde und Schreiber zeigten sich alle sehr angetan; wieso ausgerechnet ich, der doch viel für Comics und Illustration übrig hat, sich an den blutrünstigen Gaga-Noir-Geschichten um Rache, Hurengangs und gefangene Stripperinnen störte und den Versuch, auf diese Weise (Realfilm digital "übermalt" und vor virtuelle Hintergründe platziert) Comics ins Medium Film zu übersetzen, auch formal für gescheitert hielt, hat damals keiner verstanden.
Diesmal hat sich Frank Miller an einem Klassiker des Comics vergangen, am "Spirit" des großen Will Eisner, dessen Arbeiten ich, ganz im Gegensatz zu Frank Millers Comics, überaus schätze. Der "Spirit" wurde in bewährter Manier in eine digitale Sin-City-Welt verfrachtet, komplett mit hässlichen Megabösen und vielen Femmes Fatales, die visuell nichts mehr mit der Vorlage zu tun hat. Da bin ich dann noch viel ungnädiger als beim Vorgänger, stehe mit dieser Haltung diesmal aber keineswegs alleine da: Offenbar war Miller, ohne einen erfahrenen Regisseur an seiner Seite, mit der Regie völlig überfordert und zudem ist der Novitätenbonus weg, und alle gähnen nur noch. "Frank Millers Adaption (...) ist aufdringlich, lärmend und so alarmierend holprig, das sie eigentlich mit einer Software ausgeliefert werden sollte, die es den Zuschauern erlaubt, sie nach eigenem Gutdünken umzuschneiden. Ich würde empfehlen, viele Hauptfiguren rauszuschmeißen und das Ganze auf anmutige zehn Minuten zu reduzieren. Wie eine der Figuren sagt: 'Was sind schon zehn Minuten im Leben eines Mannes?'", schreibt Xan Brooks im Guardian.
Und selbst hier, im finsteren amerikanischen Moloch, gibt´s wieder Nazis, von denen bei Will Eisner in den vierziger Jahren keine Spur war: Die Bösen, Samuel L. Jackson und Scarlett Johannson, treten in einer Szene vor Hakenkreuzfahnen in SS-Uniformen auf; dazu ertönt die deutsche Nationalhymne. Im Interview in Deutschland schwärmt Frank Miller, darauf angesprochen, von den Nazis als den "bestaussehenden Bösewichten, die wir je hatten. Ich fand die Idee eines großen, schwarzen Nationalsozialisten einfach grotesk und höchst amüsant." Und dann versucht er, uns Nazis zu besänftigen mit der Aussage: "Auch wenn Stalin viel mehr Menschen ermordete als Hitler – er und seine Schergen sahen nicht so gut dabei aus."
So sieht ein "Spirit"-Heft von Will Eisner aus und so der Trailer von Frank Miller. Die Comics erscheinen in einer wunderschönen Reprint-Edition deutsch bei Salleck, sind aber sündhaft teuer. Nur die Hälfte zahlt man für die genauso ausgestatteten Originalausgaben bei den Importeuren über Amazon Marketplace. THE SPIRIT, der Film, läuft in allen Multiplexen bis auf das UCI Mundsburg, außerdem im Streits OF. (Und die Kinos andernorts.)




Erträgliche Romcoms kriegt heutzutage keiner mehr hin, auch nicht die Franzosen: ENDLICH WITWE erzählt von einer Frau, die nach dem Tod ihres Mannes denkt, sie könne sich jetzt endlich unkompliziert ihrem Geliebten zuwenden, nur um noch größere Schwierigkeiten mit der trostspendenden Verwandtschaft zu bekommen. Regie führte Isabelle Mergault, die mit dem ähnlich gelagerten SIE SIND EIN SCHÖNER MANN debütierte."Generell ist subtile Komik nicht gerade Mergaults Stärke; sie setzt aufs Burleske und auf groteske Übertreibungen", schreibt Felicitas Kleiner im filmdienst. Hhm. Eine grob behauene romantische Komödie mit genau einer Idee. Will das jemand sehen?
ENDLICH WITWE läuft im Koralle und seltsamerweise nur nachmittags im UCI Wandsbek. Und hier andernorts.




Es ist keine Neuigkeit, mit Biopics kann man mich jagen; nichts scheint mir dämlicher, als das dramatisch zurechtgebaute Leben sattsam bekannter Berühmtheiten möglichst ähnlich von Schauspielern nachkaspern zu lassen. Diese Woche kommt ein Film in die Kinos, der den Irrsinn noch eine Drehung weiter treibt als üblich: In FROST / NIXON werden Fernsehinterviews nachgestellt. Und ein wenig drumherum erzählt. Die Geschichte der Interviews ist nicht uninteressant; da könnte man sich in allen möglichen Formen mit beschäftigen, in Zeitungsartikeln, Büchern, Radiofeatures und vor allem als Fernsehdokumentation. Schließlich gibt's ja die Aufnahmen von damals. Aber wieso ein Spielfilm? Es will nicht in meinen Kopf. Wenn's wenigstens Puppen statt Schauspieler wären. Oder Knetmännchen. Ebenfalls für fünf Oscars nominiert.
Wer mag, geht ins Abaton (OmU), Koralle oder ins UCI Mundsburg. Oder in ein Kino anderswo.




Ein süßlicher Familienfilm von der Stange: Kinder, Tiere und eine zuckerverkrustete Botschaft. Die Gören dürfen das Hündchen nicht behalten, verstecken es in einem leerstehenden Hotel und nehmen da dann noch viele weitere herrenlose Kläffer auf. Die Masse dressierter Hunde macht ihre Sache wohl ausgesprochen gut; alle anderen, die an der Produktion beteiligt waren, eher nicht. Tut weder weh noch gut. DAS HUNDEHOTEL läuft bei uns in sämtlichen Multiplexen und hier andernorts.



12% zeigt das Tomatometer für diese Hochzeitsklamotte an. "BRIDE WARS ist ein typischer Januarfilm: Da bleibt man lieber zuhause und schaut sich Wiederholungen im Fernsehen an. Selbst der Blick nach draußen auf die leere und trostlose Winterlandschaft in der Dämmerung eines verkürzten Tages verspricht mehr Vergnügen, als gutes Geld für dieses Beispiel filmischen Abfalls auszugeben", schreibt James Berardinelli in Reelviews. BRIDE WARS läuft in sämtlichen Multiplexen und hier andernorts.




Verspätet läuft in der Kinoprovinz auch noch eine konventionelle Dokumentation über die Widrigkeiten des iranischen Alltags an. Fünf Personen werden portraitiert, die sich unter wirtschaftlich wie politisch schwierigen Umständen durchschlagen. IM REICH DES BÖSEN leben auch ganz normale Menschen. Darüber hinausgehende neue Erkenntnisse sind nicht zu erwarten. Im 3001 und noch in diesen Städten.



Wöchentliche Provinzialitätsmessung:


Anderswo startet diese Woche auch nicht mehr. Nicht mal in Berlin. Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr! Ist Hamburg überhaupt noch richtige Kinoprovinz?



Weiterhin:



LULU UND JIMI, spektakulär gefloppt, nur noch einmal spät am Montag im Abaton. Und hier andernorts.

JERICHOW im Alabama, im Holi und im Blankeneser. Und hier andernorts. Hat mir gut gefallen, auch wenn's dann nicht ganz das Jahrhundertwerk ist, das die gesammelten Kritiken versprochen haben. Eine schöne Variante der alten, einfachen Geschichte, die vielleicht zur wirklichen Größe auch ein etwas größeres Budget gebraucht hätte. Besseres Licht, drinnen wie draußen, wäre wünschenswert gewesen und ein Kameramann, der mehr aus Landschaft und Architektur herausholt. Toll: das Buch, der knappe Erzählstil und Hilmi Sözer, das sparsam eingesetzte Streichermotiv, die türkische Popmusik und der Satz: "Du tanzt wie ein Grieche."

DIE KLASSE jetzt auch zu obskuren Zeiten OmU im Abaton. Nachmittags außerdem in deutscher Fassung im Elbe, Zeise und im Holi. Und andernorts.

ALTER UND SCHÖNHEIT im Magazin und nachmittags im Passage. Und hier.

VICKY CRISTINA BARCELONA im Magazin, Zeise, Cinemaxx Harburg und noch einmal im Abaton OmU. Und hier ansonsten.

BOLT nur noch nachmittags in sämtlichen Multiplexen und hier andernorts.

DER FREMDE SOHN im Abaton OmU, außerdem im Zeise, Koralle, Cinemaxx, UCI Mundsburg und im Streits OF. Und hier andernorts.

WALTZ WITH BASHIR nochmal spät im 3001 OmU. Und hier auch noch.



Außer der Reihe:



Seinen Lieblingsfilm habe ich neulich schon vorgestellt, die Antworten auf einige weitere Fragen und ein bei derselben Gelegenheit entstandenes Foto bin ich bei einer Zeitung losgeworden, die das Interview dann kurzfristig wieder aus dem Blatt gekippt hat. Das ist erfreulich, denn das Honorar gibt's trotzdem und bei Nichterschienen, der tollen neuen Seite für, ja, nicht Erschienenes, sieht's sehr viel besser aus, als es das an ursprünglich vorgesehener Stelle getan hätte.
Am Donnerstag, den 12.2., eine Woche vor dem offiziellen Start, stellt Josef Hader persönlich die neue Wolf-Haas-Verfilmung DER KNOCHENMANN im Abaton vor und verschwindet anschließend schnell, da er am selben wie auch am folgenden Abend noch mit seinem Programm "Hader muss weg" wieder zweimal auf der Bühne des schnuckeligen St. Pauli Theaters steht. Dafür gibt's noch Karten. Weitere Deutschlandtermine hier.

Im Metropolis: weiter geht's mit der Romy-Schneider-Retrospektive, mit David Lynch und "Über Macht". Außerdem Hayao Miyazakis WANDELNDES SCHLOSS, MIFUNE und der Start der begleitenden Filmreihe zum "Black History Month 2009".



Dies und das:



In Berlin findet wieder der große Filmrummel statt, auf dem es im wesentlichen um's Geschäft und um Partys geht; 11 Tage, an denen sich Filmkritiker mal wirklich wichtig vorkommen dürfen. Angelaufen.de verschafft wie jedes Jahr täglich einen schönen Überblick über die Berichterstattung in den Feuilletons; gebloggt wird fleißig, wie schon in den letzten Jahren, von epd-Schreibern wie Jörg Buttgereit, Stefan Höltgen und Harald Mühlbeyer im Berlinale Blog und von Thomas Groh, der sein Filmtagebuch vollschreibt. Und wem Englisch keine Probleme bereitet, ist, wie immer, bei David Hudsons "The Daily" gut aufgehoben.
Wer in Berlin lebt, kann sich überlegen, ob er sich Karten erkämpfen will, was erfahrungsgemäß ausgerechnet bei den Wettbewerbsfilmen am schwierigsten ist, deren deutscher Starttermin ohnehin schon feststeht. An Perlen aus allen Teilen der Welt, vor allem im Forum, die es hier und dann vielleicht nie wieder bei uns zu sehen gibt, lässt es sich dagegen eher rankommen. Nils Minkmar, der nicht zu den akkreditierten Journalisten gehört, letzten Sonntag in der FAS: "Ich könnte mir auch eine Berlinale-Karte kaufen, rein rechtlich, praktisch aber scheitert das am Berlinale-Karten-Verkaufssystem, das von Jorge Luis Borges ersonnen wurde, um uns Demut und die Absurdität menschlichen Strebens beizubringen. Nach gefühlten sechs oder sieben Wochen holt jemand den Preis, dann könnte die Arbeit weitergehen. Bloß dass all die, die dabei waren, krank werden, richtig krank. Ein Produzent ist sogar mitten auf der Berlinale tot umgefallen. Berlinale? Muss nicht sein."



Anke Gröner auf meine Frage nach ihrem Lieblingsfilm:

"Mein Lieblingsfilm ist immer noch ONE, TWO, THREE. Aber den hat sich Herr Scheck ja schon unter den Nagel gerissen.

Damit Sie nicht zweimal über Wilders Meisterwerk schreiben müssen, weiche ich aus auf: BACK TO THE FUTURE. Ja, der mit Michael J. Fox und dem Fluxkompensator. Bei dem Film ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie ein wirklich gutes Drehbuch aussieht: 1000 Fährten, die ausgelegt werden, und zum Schluss passt alles absolut perfekt zusammen (die Plutoniumbox in Docs Labor, die man in der ersten Einstellung nur aus den Augenwinkeln mitkriegt, die kaputte Rathausuhr, die Gitarrenkünste von Marty usw).

Den Film habe ich mindestens 30mal gesehen und freue mich auf die nächsten 30. Einfach, weil ich weiß, dass ich wie beim ersten Mal vor dem DVD-Player sitzen und atemlos hoffen werde, dass Doc Brown den verdammten Stecker rechtzeitig reinkriegt, bevor Marty mit dem DeLorean angerast kommt.

Ich glaub, ich guck den genau JETZT nochmal."

(Der Kreuzberger Korrektor dazu: "Die Begeisterung für das perfekte Zurück-Drehbuch sind meine Worte! Zwei meiner Lieblingsstellen: 'Ronald Reagan? The actor?' und wie Michael J. Fox via Chuck via dessen cousin Wayne Berry den Rock'Roll erfindet: 'Hey Chuck - it's your cousin Wayne' oder so: 'You were always lookin' for that crazy sound, weren't you - well listen to this!' aaaahhh :-)))")


ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT, gedreht 1985, ist eine Steven-Spielberg-Produktion; Regie führte Robert Zemeckis. So clever und unterhaltsam kann ein Blockbuster sein. Die Science-Fiction-Fabel schickt Michael J. Fox als Highschoolkid mit einer sehr originellen Zeitmaschine dreißig Jahre in die Vergangenheit, wo er mit dem für ihn existentiellen Problem konfrontiert wird, dass sich seine eigene Mutter mehr für ihn als für seinen schüchternen Vater interessiert. Das Ganze ist überaus komisch, voll mit hübschen Running Gags, die sich aus den Veränderungen ergeben, die die Kleinstadt mittlerweile durchlaufen hat, voller Referenzen und exzellenter Dialoge, die an die großen Zeiten der Hollywoodkomödien von Frank Capra oder Billy Wilder erinnern. Das Drehbuch hat Zemeckis selbst gemeinsam mit Bob Gale verfasst.

Hans Mentz, der Humorkritiker der Titanic mit multipler Persönlichkeit, den ich schon letzte Woche ausgiebigst zitiert habe, schrieb damals über die Komödien des Kinoherbsts 1985: "Traditionelle Lustspiele sind wieder im Angebot, leicht ironisierte Melodramen sind es eigentlich. (...) Ich bewundere vor allem die Sorgfalt der Autoren: Handlungen, die spielerisch ernst genommen werden, Pointen, die einem bestimmten Zweck dienen, Motive, die eingelöst werden, Spannungsbögen, die auf ein Ziel zuführen. Selbst Steven Spielbergs letzte Produktion ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT hat einiges von diesem altmodischen Geist. Man traut dem Zuschauer wieder Geschmack zu, Geschmack an gepflegter Unterhaltung."
Im Gegensatz zu Anke Gröner habe ich den Film genau einmal gesehen, damals im Kino. Dass ich mich sogar an kleinste Details, wie das Kinoplakat mit Ronald Reagan erinnern kann, spricht eindeutig für den Film, der, genau wie die beiden ordentlichen Sequels, problemlos und günstig auf DVD zu bekommen ist.



Anke Gröner betreibt seit bereits 7(!) Jahren ein Blog unter eigenem Namen, in dem sie allerlei Persönliches (wie zum Beispiel jüngst diesen Abschiedsgruß an Berlin) und ganz viel über Filme schreibt. Wie es dazu kam, beschreibt sie so: "Da ich keine Lust mehr hatte, fünf Leuten nacheinander zu erzählen, wie doof zum Beispiel PEARL HARBOUR war, hab ich's aufgeschrieben und per Mail rumgeschickt. Und da mir das auch irgendwann zu nervig wurde, hab ich mich daran erinnert, mir doch irgendwann mal eine Domain auf meinen Namen gesichert zu haben. Da hab ich dann liebevoll mit dem Netscape Composer eine Seite gebastelt und die Kritiken dahingepackt. Und eine freundliche Mail an die Kollegen geschrieben, doch ab sofort einfach wöchentlich auf meiner Seite vorbeizuschauen."
(Eine Ewigkeit später, als dieses Medium gar nicht mehr so frisch, neu und interessant war, ist die Kinoprovinz hier ganz ähnlich entstanden.)

Anke Gröner hat sich über die Jahre eine große Leserschaft erschrieben, über deren genaue Zahl sie nichts verrät, die sich aber erahnen lässt, wenn man ihren Daueraufenthalt in den deutschen Blogcharts in Betracht zieht.
Frei von irgendwelchen redaktionellen oder monetären Zwängen (der Blog muss nix erwirtschaften, das Geld verdient sie als Texterin), kümmert sie sich nicht um Starttermine oder neue DVD-Veröffentlichungen, sondern schreibt einfach über die Filme, die sie sich gerade angeguckt hat, was häufig zu einem erstaunlichen Ausstoß erstaunlich langer Einträge am Wochenende führt. Und angucken tut sie sich nur, wozu sie Lust hat, versteht sich, und das ist oftmals ganz andere Filmkost, als ich sie mag. Exotisches verschmäht sie eher, ist tendenziell eher dem Mainstream zugeneigt und schreckt vor Biopics und selbst vor Musicals nicht zurück. Dabei schreibt sie so gewitzt und einfallsreich, dass die Lektüre ein Vergnügen ist, ganz gleich ob man sich für den Film interessiert oder ihre Einschätzungen teilt. Die Autoren der sich seriös gerierenden Filmblogs strafen sie in der Regel mit Nichtbeachtung, können ihr aber stilistisch nicht das Wasser reichen. Sie kriegt es andererseits fertig, über das SOLARIS-Remake von Steven Soderbergh zu schreiben, ohne auch nur mit einer Silbe Andrej Tarkowski zu erwähnen. Manchmal macht sie es sich auch ein bisschen leicht: "... so war mir der Film ein bisschen zu unemotional, um mich zu erwischen. Trotzdem schön, dass ich ihn endlich gesehen habe. Wieder ein Pflichtfilm weniger auf der Liste." (über LONG WALK HOME)

Ihre Kritik des jüngsten James-Bond-Films ging so los:

"Die Bushaltestelle am Potsdamer Platz ist eine Doppelhaltestelle. Als der 200er auf dem Weg zum Alexanderplatz anhält, steigt niemand ein. Der Bus fährt an, als plötzlich eine Frau mit der flachen Hand mehrmals von außen an den Bus schlägt, zur vorderen Tür rennt, der Fahrer öffnet die Tür – 'Na, na, ma nich so stürmisch, junge Frau' – sie steigt ein und fängt sofort an zu pöbeln. 'Sie sind an mir vorbeigefahren.' Der Busfahrer pampt zurück: 'Ick hab doch jehalten.' – 'Ja, als ich hinter Ihnen hergerannt bin. Das ist ne Haltestelle, das wissen Sie schon, oder?' – 'Jetzt ma janz ruhig hier, Sie sind doch im Bus, was wolln Se denn noch?' – 'Ich will, dass Sie nicht so unfreundlich sind. Noch ein Wort und es gibt ne Anzeige.' Woraufhin sie nach hinten durchgeht. Woraufhin der Busfahrer den Motor abstellt und ihr hinterhergeht. 'Ne Anzeige? Ick gloob, ick spinne.' – '4802, hab ich mir gemerkt, kommen Sie bloß nicht näher, das gibt ne Anzeige.' – 'Dit hab ick ja noch nie erlebt! Wissen Se was, ich ruf jetzt die Polizei, dann können Se gleich Ihre Anzeije loswerden.' – 'Ja, nee, das muss ja jetzt auch nicht sein.' Die beiden gehen wieder nach vorne, der Fahrer ruft über Funk die Zentrale, die Frau fängt an, ihn im quengeligen Tonfall davon abzuhalten, und ich denke, hättstehättstehättste mal den M48 genommen, der direkt hinter dem 200er kam und jetzt schon lange an uns vorbei ist. 'Sie lassen mich jetzt sofort aus dem Bus, das ist sonst Freiheitsberaubung.' – 'Also, ick hab hier ne Dame …' – 'SIE LASSEN MICH JETZT SOFORT AUS DEM BUS!' – 'Ja, watt denn nu, rinn oder raus?' – Die Tür ging auf, die Dame stieg aus und fluchte draußen weiter. Der Busfahrer ließ den Motor wieder an und nölte seine Zentrale noch bis zur Friedrichstraße voll, bis er sich wieder beruhigt hatte. Ich fuhr bis zur Memhardstraße, stieg in die M2 und kam etwas später als erwartet zu Hause an. Achja, und davor habe ich QUANTUM OF SOLACE geguckt. Der war aber lange nicht so aufregend wie die Busfahrt."

Ein hübsches Fazit von ihr liest sich so: "Hier also meine Meinung zu The Brothers Grimm, in Terry Gilliams Worten bzw. denen von Drehbuchautor Ehren Kruger, obwohl es eigentlich um die glitzernden Rüstungen der Grimms ging: It’s not magic – it’s just shiny. Und auch das leider nicht immer."

Und noch ganz kurz, Gröner über das BOURNE ULTIMATUM:
"Die Handlung selbst ist damit schon fast komplett umrissen: rennen, was das Zeug hält und nebenbei die eigene Biografie wiederfinden. Gute Sache. Guck ich nochmal, wenn ich wieder Luft kriege."

Über BE KIND REWIND (Abgedreht):
"Ich guck lieber nochmal Ghostbusters. Den hab ich sogar auf Kassette."

Oder über SYRIANA:
"Endlich mal wieder ein amerikanischer Film, der den Kopf ein bisschen herausfordert."


Hoffentlich verliert sie nicht irgendwann das Interesse am Blog. Es wäre ein echter Verlust.

(Nachtrag: Ausführliche Anmerkungen von Anke Gröner jetzt bei ihr unter dem Titel "Landeier-Lichtspiele")



Und ein Film, den wir glücklicherweise nicht gesehen haben:

Robert Zemeckis hat später noch eine Reihe guter Filme gemacht, unter anderem den gelungensten und spektakulärsten Trick-Realfilm-Mix aller Zeiten: FALSCHES SPIEL MIT ROGER RABBIT. Heutzutage nervt er leider mit einer ekelhaften Pseudoanimationstechnik, dem Motion-Capture-Verfahren, das unter anderem zu diesem gruseligen Machwerk geführt hat. Anke Gröner hat immerhin versucht, sich das anzugucken: "Die Story des kleinen Jungen, der nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubt und vom Polarexpress abgeholt wird, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen, habe ich knappe 30 Minuten durchgehalten. Dann war mir das virtuelle Weihnachtsmärchen einfach zu unangenehm. Ich konnte und wollte den Pixelfratzen nicht mehr zusehen, zu seltsam war ihre Umsetzung. Ich hätte mir reale Schauspieler für die bestimmt herzerwärmende Geschichte vom Polarexpress gewünscht; dann hätte sich der Film vielleicht nicht ganz so wie 3 Nüsse für Aschenputtel im Zombieland angefühlt."



Umsonst und zuhause:


Am Donnerstag:

Ein Biopic für Biopic-Hasser. Geht in Ordnung aus folgenden Gründen:

  • Harvey Pekar, den Mann um dessen Leben es hier geht, kennt kein Schwein. Er ist kein großer Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller oder Musiker, sondern eine arme Wurst.
  • Der echte Harvey Pekar tritt auch auf und kritisiert die Leistung des Darstellers Paul Giametti, der ihn spielt.
  • Das Nachspielen im Biopic spiegelt die Quelle von Pekars bescheidenem Ruhm: Er hat autobiographische Comicszenarien geschrieben, die von diversen Zeichnern, unter anderem Robert Crumb, visualisiert wurden. Auch schon eine verzerrende Fiktionalisierung. Aber auf Veranlassung des Subjekts.
Und das Spiel mit den vier verschiedenen Realitätssebenen wird äußerst virtuos betrieben. Außerdem ist der Film saukomisch und ergreifend. Meine Empfehlung des Monats, mindestens. AMERICAN SPLENDOR im WDR um 23:15 Uhr, ShowView 7.535.124



Auch am Donnerstag:

"Der mir liebste meiner Filme ist wahrscheinlich THIEF", hat James Caan letztes Jahr im Interview gesagt. Eine unterschätzte Genre-Kostbarkeit von 1981, das Debüt von Michael Mann. Das Caper-Movie wird von Caan in der Rolle des Safeknackers zusammengehalten, der ein letztes Ding dreht, im Auftrag, was er besser hätte lassen sollen. Im Vierten um 03:00 Uhr. ShowView 60.816.964



Am Freitag:

Die beklemmende Exorzismusgeschichte von Hans-Christian Schmid, einem der wenigen Guten, die wir haben. Das Debüt der Schauspielerin Sandra Hüller. In der Runde, in der ich den Film gesehen habe, wurde nur von manchen an der Ausstattung rumgemäkelt: So hätten die Siebziger nicht ausgesehen. Aber wie dem auch sei: Eine souveräne Inszenierung mit guten Darstellern ist's allemal. REQUIEM zum ersten Mal im Fernsehen auf arte um 21:00 Uhr, ShowView 9.550.148


Am Samstag:

Eine Sendung der Reportagereihe "Vivo" zum Thema "Hat Kino Zukunft?" über die Digitalisierung der Vorführtechnik. Außerdem das Portrait eines Erfurter Filmclubs und ein Beitrag über die Gruppe "A Wall Is A Screen", auf 3Sat um 17:30 Uhr, ShowView 7.950.571


Auch am Samstag:

Ein weiteres Kleinod vom Meister des Zeichentricks Hayao Miyazaki, wie TOTORO auch schon für Kleinere geeignet. Für Große ja sowieso. Die Geschichte einer heranwachsenden freundlichen Hexe, die ihr Elternhaus verlässt und sich auf eigene Beine stellen bzw. auf einen eigenen Besen setzen muss. Nach Jiji, dem Kater, hat meine Tochter ihre kleine Katze genannt, die leider unter ein Auto geriet, bevor sie ein Jahr alt war. So privates Zeug schreibt man doch in Blogs, oder? KIKIS KLEINER LIEFERSERVICE auf Super RTL um 20:15 Uhr, ShowView 29.292.484



Auch am Samstag:

Ein Kostümschinken von William Wyler, spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, mit Henry Fonda und Bette Davis, für die es der Ausgangspunkt für all die weiteren großen Rollen war, die ihr daraufhin angeboten wurden. Von 1938. JEZEBEL auf N3 um 02:35 Uhr, ShowView 8.310.156


Am Sonntag:

ARIANE - LIEBE AM NACHMITTAG läuft, wie es sich gehört, am Nachmittag um 17:40 Uhr. Billy Wilder zeigt, wie man Romcoms macht, die was taugen. Aber Audrey Hepburn und Gary Cooper haben natürlich auch ein anderes Format, als das heute übliche Romcompersonal. Im Vierten, ShowView 74.207.311


Auch am Sonntag:

Wieder einmal DAS ERBE von Per Fly, über einen Menschen wie du und ich, der plötzlich aus seinem Leben in Stockholm herausgerissen wird, um sich in der dänischen Heimat um Papas heruntergewirtschaftetes Stahlwerk zu kümmern. Das verändert ihn.
Im MDR um 01:10 Uhr, ShowView 51.577.083


Auch am Sonntag:

Ein engmaschiges Liebesverwicklungsnetz mit Monica Belucci und Vincent Cassel, sehr kurzweilig und clever. Von 1996. LÜGEN DER LIEBE im Ersten um 01:50 Uhr, ShowView 28.568.489


Am Montag:

Letztes Mal waren die Kritiker auch schon alle ganz aus dem Häuschen. Christian Petzolds Geistergeschichte Nummer drei mit, klar, Nina Hoss, die von Wittenberge nach Hannover übersiedelt, einen Unfall und einen Plan hat. Wohl der beste deutsche Film von 2007. Der tolle Devid Striesow ist auch dabei. YELLA, zum ersten Mal im Fernsehen, auf arte um 21:00 Uhr.


Am Dienstag:

Die Doku über die spektakulär in die Hose gegangenen Dreharbeiten von Terry Gilliams Don-Quichote-Film vor acht Jahren. Das Wunderbare: Die Macher waren schon vor Beginn der Dreharbeiten des Gilliam-Projekts dabei, so dass die gesammelten Katastrophen mit der Kamera festgehalten werden konnten. Ein Lebenstraum wird zum Alptraum, und wir können dabei zugucken. Erstaunlich sind die jüngsten Nachrichten zum Thema: Mal schauen, ob er's wirklich noch mal anpackt. VERLOREN IN LA MANCHA erstmals im Fernsehen auf arte um 23:00 Uhr, ShowView 621.403


Auch am Dienstag:

EIN MANN SIEHT ROSA, so der doofe deutsche Titel, eine Komödie mit Daniel Auteuil, als Angestellten, der versucht seinen Job zu behalten, indem er den Anschein erweckt, er sei schwul. Gérard Dépardieu ist auch dabei, und das Ganze ist wohl ganz nett und unterhaltsam. Auf N3 um 00:35 Uhr, ShowView 8.928.695


Am Mittwoch:

Die Verfilmung des ersten historischen Easy-Rawlins-Krimis von Walter Mosley. Vielleicht sind sie etwas zu glatt, die Bilder, wie auch Denzel Washington in der Hauptrolle, aber Don Cheadle als mörderischer Sidekick ist wunderbar. Regisseur Carl Franklin hat auch den schönen Thriller ONE FALSE MOVE mit Billy Bob Thornton gedreht. TEUFEL IN BLAU auf Kabel 1 um 22:25 Uhr, ShowView 6.193.695


Auch am Mittwoch:

Im Fernsehen läuft immer noch die um 26 Minuten(!) gekürzte Fassung des durchgedrehten Thrillers über die knapp 100 Hitler-Klons, die Josef Mengele von Brasilien aus in die Welt schickt. Der Film von 1978 kam erst 1985 in dieser entschärften und verstümmelten Fassung kurz in die deutschen Kinos. Auf DVD gibt es aber endlich den kompletten Film, und da nicht neu synchronisiert wurde, lässt sich in den untertitelten Passagen genau feststellen, was der Verleiher noch in den achtziger Jahren meinte, den echten Nazinachkommen nicht zumuten zu können. Mit Gregory Peck! Laurence Olivier! James Mason! Bruno "Adolf" Ganz! THE BOYS FROM BRAZIL auf Tele5 um 22:00 Uhr, ShowView 8.579.237


Auch am Mittwoch:

Jafar Panahi, der Regisseur des WEISSEN BALLONS, erzählt eine Geschichte, die nachvollziehbar macht, wie es sich so als Frau im Iran lebt. Keine aufdringliche Anklage mit dem Holzhammer, sondern mit den Tugenden des iranischen Kinos zurückhaltend, genau und realistisch gefilmt. Dafür gab's 2000 den goldenen Löwen. DER KREIS, auf arte um 23:20 Uhr, ShowView 5.324.966


Und auch noch am Mittwoch:

Der direkte Vorgänger von LOLA RENNT, von 1997. Ein eindringliches, souverän inszeniertes Drama von Tom Tykwer mit Josef Bierbichler. WINTERSCHLÄFER im BR um 23:50 Uhr, ShowView 8.188.099


Wie immer gibt es außerdem noch viele weitere sehenswerte und wohlbekannte Filme im Programm, beispielsweise WILD AT HEART, CARAVAGGIO, (jaja, ein Biopic, aber von Derek Jarman, mit Tilda Swinton), DRIVER, PSYCHO, MOULIN ROUGE und DIE FLIEGE. Wer suchet, der findet.



Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden aus Osnabrück auf diese Seiten führte: "Suche ein Blonden schauspieler den Name weiß ich nicht ? spielt bei Tele 5 mit Nachts filme".


Kommentare:

  1. Zu "Liebe am Nachmittag" muß ich dazusagen, dass mir bei der ersten Sichtung des Films die Paarung von Gary Cooper und Audrey Hepburn sehr sauer aufgestoßen war. Ganz anders als beim ähnlich konstruierten "Sabrina" konnte ich hier nicht nachvollziehen warum sich die noch sehr junge Audrey Hepburn in Gary Cooper verlieben sollte, der (bei allem nötigen Respekt) aussah wie ein alter Sack, der aber als Playboy eingeführt wurde, der jede Frau rumkriegt. Aber die Brillianz von Regie und Drehbuch bleibt unbestritten. Allein schon die Einführung: "Paris ist die Stadt der Liebe. Man küsst sich am linken Ufer der Seine. Am rechten Ufer. Und in der Mitte." - begleitet von Einstellungen von knutschenden Paaren - erst rechts, dann links und zuletzt in einem Boot.

    Zu "Lost in La Mancha": ich wünsche Terry Gilliam auf jeden Fall alles Gute für den zweiten Anlauf. Der Mann wird vom Pech ja geradezu verfolgt: "Brazil" wurde erst nach langen öffentlich ausgetragenen Kämpfen veröffentlicht, "Die Abenteuer des Baron Münchhausen" von einem größenwahnsinnigen Produzenten torpediert, "The Brothers Grimmm" wurde von den Weinstein-Brüdern nach Abdreh über zwei Jahre lang zurückgehalten und bei seinem letzten noch nicht fertiggestellten Film starb ihm der Hauptdarsteller Heath Ledger weg. Da lasst uns alle mindestens eine Kerze anzünden, dass aus dem zweiten Anlauf für "Don Quichote" was wird.

    Von den Machern des "Unmaking-of" von "Lost in La Mancha" wurde ja auch das Making-of zu "Twelve Monkeys" gedreht, das ungeschönt und vom üblichen Featurette-Bla-Bla befreit einige Momente zeigt an denen der Film kurz vorm Scheitern zu stehen scheint. Als Bonus auf allen erhältlichen DVDs zu haben (ausser den Zeitschriften-Beilegern).

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  2. Frost/Nixon ist ja nun wirklich kein Biopic wie man es von anderen aktuellen Filmen kennt. Hier wird nicht die Geschichte einer Person erzählt sondern die eines historischen Ereignisses in der Mediengeschichte.

    Der Film ist auch wirklich sehr gut, nicht zuletzt wegen der hervorragenden Schauspieler die auch schon das vorangegangene Theaterstück bestritten haben. Ansehen (und wenn auch nur auf DVD)!

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  3. Na endlich widerspricht da mal einer. Aber, wenn ich mich für dieses historische Ereignis der Mediengeschichte interessieren sollte, bleibt die Frage, warum Schauspielern beim Nachstellen zugucken, warum nicht gleich die Originalaufnahmen ansehen? Es mag den Darstellern ja gut gelingen, die beiden nachzumachen, es scheint mir aber eine völlig schwachsinnige Anstrengung zu sein; ich hör' und seh' mir auch nicht die Aufnahmen von Imitatoren an, wenn ich mich für das 1968er Elvis Comeback interessiere.
    Eine Dokumentation, die die Archivaufnahmen mit der Vorgeschichte verknüpft und das Ganze aus heutiger Sicht von Beteiligten oder sonstigen Personen, die dazu was Schlaues zu sagen haben, kommentieren lässt, vielleicht auch einen Bezug herstellt zu aktuell ausbleibenden Entschuldigungen von Halunken im Staatsdienst oder in den Vorstandsetagen der Banken, die würde mich schon eher reizen. Ins Kino ginge ich dafür freilich auch nicht, da scheint mir das Fernsehen das geeignetere Medium zu sein.

    @Thies: Wieder mal danke für deine Anmerkungen. Ich zünd' gern auch eine Kerze an. Wie Gilliams beachtlicher jüngster Film TIDELAND abgeschmiert ist (bei uns hat er nicht mal einen Verleih gefunden), kann man eigentlich auch noch als der Pechsträhne zugehörig verbuchen. Wie auch die Tatsache, dass er, trotz der Fürsprache von Joanne K. Rowling, nicht an Harry Potter ran durfte. Machmal kommt mit Guillermo del Toro wie ein Wiedergänger Gilliams vor, nur dass sich ihm alle Türen und Budgettöpfe wie von selbst öffnen.
    Dank auch für den Hinweis auf das TWELVE-MONKEYS-Making-Of; war mir unbekannt und hätte ich nie entdeckt, angeödet wie ich von den meisten Making-Ofs bin.

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  4. Eine Dokumentation schaut man sich an, wenn man sich über ein Thema informieren möchte. "Frost/Nixon" will ja aber nicht informieren sondern mit der beeindruckenden Geschichte der Geschehnisse unterhalten. Das wird auch besonders in einigen Momenten deutlich, in denen die verschiedenen Beteiligten satirisch trocken auf die Schippe genommen werden. :)

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