Üble Vergangenheit aber Urlaub in Schweden

"Eure Kamerabewegungen sind scheußlich, weil Eure Sujets schlecht sind, Eure Schauspieler spielen mies, weil Eure Dialoge nichts taugen; kurz, Ihr könnt kein Kino machen, weil ihr gar nicht mehr wisst, was das überhaupt ist".

Jean-Luc Godard 1959 an die und über die Filmemacher des etablierten Kinos der Fünfziger.


Woche 18/2009 (7.5. - 13.5.)

Die Neustarts:




Ein britisches Coming-Of-Age-Drama ist BOY A, und die Betonung liegt dabei auf Drama. Ein Jugendlicher wird nach einem Verbrechen, das er als Kind begangen hat, aus der Haft entlassen, und der Film begleitet ihn beim Versuch der Resozialisierung. Das klappt erst ganz gut und das freut die Zuschauer, wird sich doch reichlich Mühe gegeben, Mitgefühl und Verständnis für den Delinquenten zu wecken. Mit entsprechender Wucht tritt dann die Wende ein. Das Setting ist sehr realistisch, die Darsteller sollen richtig gut sein, und der Trailer sieht vielversprechend aus:



Die Kritiken sind fast durchweg positiv (Tomatometer: 90%); die imdb-Nutzer sind auch sehr angetan (Note 8,0), aber ich bin mir nicht sicher, ob das nicht doch arg plakativ und dick aufgetragen ist, ob die Medienkritik nicht ein wenig plump daherkommt und man als Zuschauer arg einseitig gelenkt wird. Andererseits schreibt Birgit Glombitza in der taz etwa: "Das Schönste an BOY A ist vielleicht, wie unspektakulär und vorsichtig er fotografiert ist und seinen Plot entwickelt. Wie er Jack über die Schulter schaut, wenn der sich durch diese ungewohnte Existenzform wie ein Fahrschüler auf einer aggressiv befahrenen Autobahn fortbewegt".

Hört sich fast ein wenig nach Ken Loach an, der ja auch nie davor zurückschreckt, sein Publikum fest an die Hand zu nehmen. Eine direkte Verbindung zu dessen Kino gibt es von BOY A: Peter Mullan, der Darsteller des Bewährungshelfers, war der Joe aus MY NAME IS JOE.

Reinzugehen ist jedenfalls sicher kein Fehler. BOY A läuft nur im UCI Mundsburg und das bestimmt nicht lange. Hier die Kinos anderswo.


Noch ein Film übers Großwerden, aber diesmal ganz bescheiden, beiläufig und episodisch erzählt, ohne große Dramen. Eine 17-jährige Französin macht eine Reise zusammen mit ihrem Vater, die völlig ungeplant verläuft ab dem Moment, in dem sie ihr schwedisches Ferienhaus erreichen und feststellen müssen, dass sie sich dort mit zwei vierzigjährigen Schwedinnen arrangieren müssen. Und dann geht es um Zuneigung und Ablehnung, um viele Kleinigkeiten und um die Liebe. Das Debüt von Anne Novion soll viele altbewährte Tugenden des französischen Kinos aufweisen, darüberhinaus mit lakonischem Witz punkten und mit einer Hauptdarstellerin, Anaïs Demoustier, aufwarten, die ein wenig an die junge Isabelle Huppert erinnert. WIR SIND ALLE ERWACHSEN ist der ironische Titel des Films, der hoffentlich genügend Zuschauer bei uns findet, um wenigstens ein paar Wochen zu laufen. Er startet im Abaton und im Koralle. Hier die Kinos andernorts.

Ein wenig steif klingen leider die deutschen Dialoge im Trailer; Berlinern und Münchnern sei die OmU-Fassung empfohlen; wir Provinzler müssen uns überlegen, ob wir nicht besser auf die DVD warten.


Außerdem neu:




Wäre das Fiktion, müsste man sich angeekelt wegdrehen; unerträglich wäre die penetrante Symbolkraft. Aber es ist keine Fiktion; die Dokumentarfilmer Marcus Vetter und Leon Geller haben wahrhaftig den Vater eines von israelischen Soldaten getöteten Kindes auf einer Reise begleitet zu, ja, zu isralischen Kindern, deren Leben gerettet wurde durch die gespendeten Organe des toten Sohnes. Und da so eine unglaubliche Geschichte nicht emotions- und reibungslos ablaufen kann, dürfte es recht spannend sein, dabei zuzuschauen. Der Vater, Ismael Khatib: "Mein menschliches Handeln hat die Israelis irritiert. Das ist etwas viel Größeres als einen Soldaten zu töten. Glaubst du, es hat den Israelis gefallen, was ich getan habe? Ich glaube das nicht". (Zitat von hier)

DAS HERZ VON JENIN läuft im Abaton. Hier die wenigen Kinos andernorts.





Vor 1 1/2 Jahren ist auch bei uns ein britisches Kinder- und Jugendbuch erschienen, das mittels einer reichlich unglaubwürdigen Konstruktion versucht, einen ganz unschuldigen, kindlichen Blick auf Auschwitz zu werfen. In "Der Junge mit dem gestreiften Pyjama" lässt der Autor John Boyne die Familie des Lagerkommandanten gleich neben dem KZ wohnen, so dass der neunjährige Steppke, der angeblich noch von überhaupt nix weiß, die Gelegenheit erhält, durch den Zaun hindurch Freundschaft mit einem jüdischen Jungen zu schließen und schließlich sogar das Lager von innen sieht. Es ist davon auszugehen, dass danach kein Happy End mehr möglich ist. Die diese Woche in die Kinos kommende Hollywood-Verfilmung scheint erstaunlicherweise auch nicht den fatalen Fehler zu machen, irgendeine positive Wendung herbeizuzerren, sondern soll sogar versuchen, zum Schluss das Grauen zu bebildern.
Das Buch wurde auch im Land der Täter überwiegend positiv aufgenommen; nur manche Rezensenten störten sich etwas an dem unterstellten Kalkül und an der Naivität der Fabel, die den Lesern sogar ein Loch im Zaun des KZs zumutet.

Beim Film sind die kritischen Stimmen etwas lauter; da stören sich doch viele an der Chuzpe, den Massenmord für eine rührselige und konventionell erzählte Geschichte zu instrumentalisieren. Am drastischsten lehnen lustigerweise erneut ganz einig konkret und die FAZ den Film ab.
Dietrich Kuhlbrodt in konkret (Spoiler galore): "Großes Drama! Blitz und Donner! Die Kommandantenfamilie zerbricht. Das ist das Strafgericht. Die Gattin wird schwer depressiv, die Oma, die immer schon dagegen gewesen war, von einer Bombe getroffen, die Tochter wendet sich vom Vater ab, der geht auf die Knie und schreit seine Verzweiflung gen Himmel. Es liegt kein Segen auf der Vergasung von Juden. Auch nicht auf diesem Holocaustmelodram, in welchem die Täterfamilie zum Opfer wird".
Andreas Kilb reibt sich auf faz.net die Augen (in der Printausgabe der letzten FAS erschienen): "Dieser Film ist eine Frechheit. Ein Schlag ins Gesicht für jeden, der geglaubt hat, es gebe eine Grenze beim Umgang des Kinos mit dem Holocaust, eine Schwelle, die das historisch Belegte von der reinen Spekulation trennt. DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA überschreitet diese Schwelle. Und er tut das so unverblümt, dass man nach dem Abspann eine Weile braucht, um zu begreifen, was man da gerade gesehen hat. Eine Kindergeschichte in Auschwitz; eine morality tale vor dem Hintergrund der Gaskammer; ein Nazi-Familiendrama mit tragischem Ausgang." Im weiteren Verlauf des Textes relativiert Kilb allerdings seine Kritik, schreibt, man, also in Wirklichkeit Kilb, wolle den Film eigentlich hassen, aber das klappe nicht; im Kino, "in der Nacht des Intellekts" werde der Zuschauer, also Kilb, "wider besseres Wissen" berührt.

Die Frage ist, ob man das will, sich rühren lassen durch diesen Trick, einen Kinderblick mit dem schlimmsten Verbrechen zu verbinden.

Eigentlich ist es eine Geschichte für Kinder. Und die 12-jährigen, die den Film klassenweise zu sehen bekommen werden, haben zum Teil vermutlich keinen Schimmer, was ihre Urgroßeltern verbrochen haben. Kann bestimmt nicht schaden, wenn sie eine Ahnung von den Abgründen bekommen, vermittelt in einer ihnen wohl bekannten Filmsprache. Aber ich bleib lieber daheim.

DER JUNGE IM GESTREIFTEN PYJAMA läuft im Holi; hier die weiteren Kinos.

Bei "Star Trek" scheint die Geldmaschine nur noch stockend zu laufen, die Fanbasis schrumpft; da hielt man es wohl für angebracht, statt eine weitere neue Generation mit noch weniger Erfolg einzuführen, einen Neustart zu machen. Mit den altbekannten Helden der ersten Stunde und einem nüchternen STAR TREK ohne Zusatz als Titel; das klingt so amtlich, dass die alten Sympathisanten der Serie der Neugier auf Spock und Kirk wohl in Scharen nachgeben werden. Um die neuen Darsteller zu rechtfertigen, ist die Handlungszeit vor die ersten Folgen der Serie gelegt worden, jedenfalls zum Teil; irgendwas hat das auch noch mit Zeitreisen zu tun, so dass der neue Spock (Zachary Quinto) auf Leonard Nimoy als altem Spock treffen kann.

Ekkehard Knörer schreibt im Perlentaucher: "Aber weniger buchstäblich liegt die trotz Planetenzerstörung, Tattoo-Bösewicht Nero (Eric Bana), Monsterjagd, Spock-Vergreisung etc. heitere Stimmung auch und vor allem am Pop-Bewusstsein des Films. Sehr unbekümmert baut er Scherz und Ernst, Neuerungslust und Bewahrungsfreude, Erwartungserfüllung und Erwartungsenttäuschung zu einem mal fröhlich, mal eher langweilig, mal spannend, mal originell, mal allzu vertraut, mal dämlich, mal schlau durcheinanderrumpelnden Weltraumzirkus zusammen. Das macht oft Krach eher als Sinn, ist hübsch eher als toll und gerät irgendwann auch ganz aus dem Takt. Aber böse sein kann man der Veranstaltung nicht."

Die Kritiker und die imdb-Nutzer sind mehrheitlich begeistert (93% auf dem Tomatometer, Note 8,3 bei imdb); der Coup scheint geglückt zu sein, doch bezweifle ich sehr, dass Enterprise-Ignoranten wie ich durch diesen Film missioniert werden können. Aber Ihr werdet sicher Euer Vergnügen haben.

STAR TREK läuft in allen Multiplexen, überall.


Nochmal ein Ausflug in die Schmutzwäsche. In Hans-Christian Schmids Doku DIE WUNDERSAME WELT DER WASCHKRAFT wird die Praxis des Unternehmens Fliegel beleuchtet, Berliner Hotelwäsche täglich zum Reinigen nach Polen zu transportieren. Vorgestellt werden die polnischen Arbeiterinnen und ihre Lebensbedingungen, aber auch der Geschäftsführer von Fliegel darf sich und sein Unternehmen offenbar ausgiebig darstellen. Selbst den positiven Kritiken kann man entnehmen, dass das Ganze ein wenig wischi-waschi geworden ist, dass da keine klare Haltung eingenommen wird. Stefan Volk im filmdienst: "Wesentliche Problemstellungen fallen der menschelnden Montage zum Opfer. Manch kritische Frage wird nicht formuliert, weil vor lauter Offenheit und Spontaneität kein Filmautor mehr da ist, der sie stellen könnte".
Es ist fraglich, ob der Film viel mehr Erkenntnisgewinn liefert, als dieser Text von Karsten Zummack von 2007 oder aber dieser Artikel aus der Berliner Zeitung von 2004. Schlimmstenfalls verschwendet man als Zuschauer Zeit und Geld und langweilt sich obendrein.

DIE WUNDERSAME WELT DER WASCHKRAFT wird vom 3001 gezeigt; hier die Kinos in anderen Städten.


Jetzt auch, leicht verspätet, bei uns zu sehen: EIN NEUSS DOKUMENT. Wolfgang Neuss kommt 1989, drei Tage vor seinem Tod, ausgiebig zu Wort. Und ansonsten werden alle möglichen Leute interviewt, die mehr oder weniger Erhellendes zum legendären Kabarettisten und späteren Eso-Quatschkopf zu sagen haben. Wem Wolfgang Neuss völlig unbekannt ist, kann sich heutzutage auf youtube schnell ein Bild machen. Und wer dann, wie ich, mit all dem wenig anfangen kann, braucht sich ganz bestimmt auch diesen Film nicht anzuschauen.

EIN NEUSS DOKUMENT läuft im 3001. Hier die Kinos anderswo.


Wöchentliche Provinzialitätsmessung:


Außerdem startet anderswo STANDESGEMÄSS, eine deutsche Doku über alleinstehende adelige Frauen (Kinos, nein , Kino, es scheint genau eine Kopie zu geben), SPIEL DER TRÄUME – DIE WAHRE GESCHICHTE EINES FALSCHEN TEAMS über eine Gruppe von Sri Lankesen, äh, Sri Lanker? Sri Lankaer? Ceylonesen? Singhalesen? Oder gar Tamilen? (Nachtrag: Die Korrektorin hat im Duden nachgeschaut: "Sri-Lanker" sei richtig.) Jedenfalls geht es um die Einreise nach Deutschland als angebliches Handballteam, eine Komödie (Kinos). Auch SPRAYMASTERS startet wohl mit sehr überschaubarer Kopienzahl; es handelt sich, wenig überraschend, um eine Doku über Sprühdosenstraßenkunst. In Hamburg starten also 67 Prozent der neuen Filme. In Berlin dagegen alle, wie immer. Da gibt's auch die einzige Kopie des Films über blaublütige Singles zu sehen.


Weiterhin:


THE WRESTLER noch ein weiteres Mal am Montag spät im Abaton, sogar OmU. (Kinos anderswo)

DER KNOCHENMANN ist wieder da! Nutzt die Chance! Diese Woche nachmittags im 3001, nächste wieder in der Spätvorstellung. (Kinos anderswo)

C´EST LA VIE – SO SIND WIR, SO IST DAS LEBEN jetzt wieder abends im Abaton. (Kinos anderswo)

IL DIVO – DER GÖTTLICHE im Passage und im Zeise. (Kinos)

DUPLICITY im Streits OF und in deutscher Fassung im Cinemaxx, Cinemaxx Harburg und in den UCI-Multiplexen. (Kinos anderswo)

SLUMDOG MILLIONAIRE bei uns im Abaton OmU und in deutscher Fassung im Magazin, Alabama, Zeise und in allen Multiplexen. (Kinos anderswo)

GRAN TORINO immer noch im Passage und im Alabama. (Kinos anderswo)


Nicht mehr bei uns, aber noch anderswo zu sehen:

BEDINGUNGSLOS – JUST ANOTHER LOVE STORY (Kinos), RACHELS HOCHZEIT (Kinos) WASSER UND SEIFE (Kinos), THE FALL (Kinos), REVANCHE (Kinos), JERICHOW (Kinos), DIE KLASSE (Kinos), WALTZ WITH BASHIR (Kinos), BOLT (Kinos), VICKY CRISTINA BARCELONA (Kinos), DER FREMDE SOHN (Kinos), SO FINSTER DIE NACHT (Kinos), 35 RUM (Kinos), ALTER UND SCHÖNHEIT (Kinos), IT´S A FREE WORLD (Kinos), O´HORTEN (Kinos), STELLET LICHT (Kinos), SECRET SUNSHINE (Kinos) und DIE PERLMUTTERFARBE (Kinos).




Außer der Reihe:




RASHOMON ist der Film, den immer alle, ich eingeschlossen, nennen, wenn es bei irgendeinem neuen Film um unkonventionelles, multiperspektivisches Erzählen geht. Nur haut die Analogie in den meisten Fällen nicht die Bohne hin. Wie im Meisterwerk Akira Kurosawas wirklich erzählt wird, lässt sich am Mittwoch im Koralle begutachten. Ich habe den Film selber seit meiner Schulzeit nicht mehr gesehen; damals tat ich es auf die Empfehlung meiner hochverehrten Philosophielehrerin Frau Dr. Kambyles hin; es war und ist vielleicht immer noch ihr ausdrücklicher Lieblingsfilm. Vielleicht sollte ich sie anrufen und ihr vorschlagen, ins Kino zu gehen. ("Wer sind sie? – Aha. – Was für ein Film bitte? - Raschowas? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?".)

Im Metropolis wird die Reihe mit Defa-Filmen unter dem Titel "Jugend – Liebe – Arbeit – Sozialismus" fortgesetzt; diese Woche gibt es KARLA von Herrmann Zschoche und drei weitere Filme. Im Rahmen der Lars-von-Trier-Retrospektive läuft EPIDEMIC, und die Russischen Filmtage werden am Mittwoch mit DIE BESTE JAHRESZEIT eröffnet (OmU!).



Peter Lückemeier auf meine Frage nach seinem Lieblingsfilm:



"Ich habe vor einiger Zeit Filme der dänischen Regisseurin Susanne Bier für mich entdeckt (BROTHERS, OPEN HEARTS). Deren Werk NACH DER HOCHZEIT hat mich sehr gepackt, ich habe den Film bestimmt fünf, sechs Mal angeschaut und war jedes Mal wieder beeindruckt und mitgenommen.

Aber als meinen Lieblingsfilm (räusper, schäm) muss ich einen relativ harmlosen Streifen nennen, den ich bestimmt schon 20 Mal, wenn nicht öfter, angeschaut habe und der mir und meinem letztlich schlichten Gemüt immer noch gut tut: TATSÄCHLICH LIEBE. Es ist ein Episodenfilm rund um Weihnachten, und er enthält so viele anrührende Geschichten (eine Ehefrau stirbt, ein Mann verliebt sich unsterblich in die Braut seines besten Freundes, der britische Premierminister hat sich verguckt in eine Mitarbeiterin mit dicken Beinen, ein abgehalfteter Sänger erlebt ein Comeback, ein Brite lernt aus Liebe Portugiesisch undsofort). Alles etwas melodramatisch, aber flott in Szene gesetzt mit Hugh Grant, Emma Thompson, Colin Firth und Heike Makatsch. Und mit der schönen Keira Knightley, bei der ich immer überlegen muss, ob ein solches Gesicht wie ihres von Gott oder vom Chirurgen stammt. Kurzum: TATSÄCHLICH LIEBE von Richard Curtis ist mein Lieblingsfilm, denn er bringt mich zum Lachen und an manchen Stellen auch zum Verquetschen einer Träne.

Darf ich auch noch meinen zweitliebsten Film nennen? Danke. Das ist die Verfilmung der BUDDENBROOKS von Franz Peter Wirth aus dem Jahr 1978. Ganz nah beim Buch und wunderbar gespielt von Volkert Kraeft, Ruth Leuwerik, Martin Benrath und anderen. Kein Vergleich zu der abgeschmackten, seelenlosen, absurd gecasteten Version des sonst von mir sehr geschätzten Heinrich Breloer."


TATSÄCHLICH LIEBE, im Original LOVE, ACTUALLY, stammt von 2003. Regie führte der RADIO-ROCK-REVOLUTION-Regisseur Richard Curtis; das Drehbuch schrieb er auch. Mir ist der Film völlig unbekannt, aber ich vermute, dass ich in die Lobpreisungen eher nicht einfallen würde. Das Filmlexikon schlägt einen scharfen Ton an: "Ein abgehalfterter Rock-Star startet mit der Weihnachtsversion eines 1960er-Jahre-Hits sein Comeback und hat mit dem schamlos kalkulierten kommerziellen Produkt tatsächlich Erfolg. Einige grob entwickelte Nebenhandlungsstränge umranken das episodisch entwickelte melodramatische Geschehen, können aber über die zynische Grundhaltung des Films, der vorbehaltlos auf den vorweihnachtlichen Starttermin ausgerichtet ist, nicht hinwegtäuschen."

Anke Groener hat's dagegen gefallen. Und den imdb-Nutzern auch (7,9).





Peter Lückemeier durchforstet Woche für Woche die "Knallpresse" von der Bunten über die Gala bis hin zu den einschlägigen Frauenzeitschriften und präsentiert die gefundenen Höhepunkte der Beknacktheit in seiner Kolumne "Herzblatt-Geschichten" im Gesellschaftsteil der FAS.
Eine unersetzliche Informations- und Spaßquelle für alle, die nicht dazu kommen, regelmäßig selber all diese schillernden Erzeugnisse des Print-Journalismus zu lesen. Richtig schön wird die regelmäßig erscheinende Zitatesammlung natürlich erst durch Lückemeiers Kommentare. Er hat in den 16 Jahren, die er die "Herzblatt-Geschichten" schreibt, seine Überspitzungen und Bosheiten zu einer formal perfekten hochkomischen Form verfeinert, die uns Leser verlässlich beglückt und zum Glucksen bringt. Manche bringt er aber auch auf die Palme, vor allem die stets wiederkehrenden Elogen auf seine gut gebauten Redaktionsassistentinnen, gerne aus Osteuropa, mit denen er die besonders in Promikreisen herrschenden Marktgesetze im Reich der Geschlechterbeziehungen trefflich spiegelt, provozieren viele Briefe erregter Leser. Wie schön, dass er in der FAS, diesem äußerst heterogenen Blatt, das auf der Ansichten-Seite andererseits gerne erzreaktionäre Pamphlete veröffentlicht, eine solche Narrenfreiheit genießt.

Statt hier ein paar Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen, empfehle ich wärmstens die Lektüre kompletter Kolumnen, die erfreulicherweise im Gegensatz zum Gros der FAS-Inhalte auch frei online zugänglich sind. Ältere Kolumnen lassen sich in Buchform nachlesen, bestens geeignet beispielsweise als Lektüre auf dem Klo.

Nebenbei leitet Peter Lückemeier übrigens auch noch die Lokalbeilage der FAZ, die Rhein-Main-Zeitung. Keine Ahnung, wie er dafür die Zeit findet; schließlich muss er ja eine Menge zusammenlesen jede Woche. Und Bücher veröffentlicht er auch, zuletzt, ganz frisch, "Von den Großen lernen", ein mindestens halb ernstgemeinter Ratgeber, der aus Anekdoten über Berühmtheiten Lebensweisheiten für jedermann ableitet.



Umsonst und zuhause:


Am Samstag:



Erstaufführung eines neuen Films von Rosa von Praunheim, in dem er seine eigene Rolle als Dozent an der Filmhochschule Babelsberg persifliert. Filmhochschüler werden mit Boxunterricht, Besuchen im S/M-Studio und Reisen nach Kalkuttta gequält, bis sie sich zur Wehr setzen. Könnte sehr vergnüglich sein. Im
WDR um 23:25 Uhr, ShowView 5.000.606


Am Sonntag:



Der legendäre Helmut-Käutner-Film, der noch 1944/45 in Berlin gedreht wurde. Zwei Männer, ein Schiff und eine Frau. UNTER DEN BRÜCKEN, die während der Dreharbeiten immer weniger wurden, auf 3Sat schon um 11:15 Uhr, ShowView 25.811.590


Am Dienstag:



Ein berührender kleiner Liebesfilm mit sechzehnjährigen Protagonisten. Um Aids geht's auch, aber das macht nichts. FICKENDE FISCHE, im RBB um 23:20 Uhr, ShowView 45.148.299


Auch am Dienstag:



Wunderwunderschönes eindringliches Melodram mit fantastischen Darstellern, einem tollen Buch und obendrein auch noch einem exquisiten Soundtrack von Asche & Spencer. So toll kann Hollywood sein. MONSTER'S BALL im Ersten um 00:35 Uhr, ShowView 2.771.226


Am Mittwoch:



Hochgelobtes, für hiesige Verhältnisse ganz und gar ungewöhnliches und irritierendes Beziehungsdrama von Stefan Krohmer, teilweise von französisch anmutender Leichtigkeit. SOMMER 04 im BR um 23:40 Uhr, ShowView 4.168.941


Auch am Mittwoch:



In deutscher Erstaufführung ein schön fotografierter Film über einen Mann aus der chinesischen Provinz, der nach dem Tod seiner Frau in eine fremde Großstadtwelt eintaucht. LUXUSAUTO, auf arte um 23:30, ShowView 3.551.619


Außerdem gibt es wieder eine Menge weiterer wohl bekannter Filme im Programm, etwa LEOPARDEN KÜSST MAN NICHT, GEFÄHRLICHES BLUT, DIE LIEBENDEN, SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN, TOD IN VENEDIG, GILDA, SEIN ODER NICHT SEIN, DER GARTEN DER FINZI CONTINI und FIGHT CLUB.
Wer suchet, der findet.


Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden
aus Luxemburg auf diese Seite führte: "blutdurst+film".

Kommentare:

  1. "Unter den Brücken"...
    Schau an (!), mein >Lieblingsfilm< aus D. wieder mal (viel zu selten) im TV (Watn Sendetermin: Etwa für die Zwerge? Dann aber falscher Sender)
    DEN könnte man doch mal remaken. Aber unsere jungen wilden bunten Hunde kriegen vermutlich einfach nicht raus, um was es Käutner damals ging. Und dass man das heut' immer noch/wieder erzählen kann. Wenn man es könnte (Schade)

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  2. „Tatsächlich Liebe“ mochte ich auch, besonders die Geschichte des in die Braut seines besten Freundes Verliebten. Er wird von der Braut enttarnt, weil er als Fotograf eigentlich die gesamte Feier dokumentieren sollte, aber auf jedem Bild sie und immer nur sie abgelichtet hat. Eine der anrührendsten indirekten Liebesgeständnisse, an die ich mich im Kino erinnern kann.

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  3. @Papity: Aber wenn er so schön ist, braucht's doch auch gar kein Remake, oder?

    @Matt: Na das wär' mal eine Liste: Die 10 anrührendsten indirekten Liebesgeständnisse auf der Leinwand. Mir fällt da auf der Stelle aber gar nix ein. Was wären denn Deine weiteren Favoriten?

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