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Brüder in der Bahn und beste Unterhaltung

Woche 1/2008


Das alte Jahr hat mit dem großartigen TÖDLICHE VERSPRECHEN aufgehört und das neue Jahr startet gleich in der ersten Kinowoche mit einem Film, der vielleicht der schönste des Jahres 2008 sein wird. Falls man man etwas für die seltsam-komische Welt des Wes Anderson übrig hat. Anderson ist der Mann, der es rätselhafterweise schafft, Filme innerhalb des Hollywoodsystems zu drehen, die persönlicher und verschrobener kaum sein könnten. RUSHMORE, DIE ROYAL TENNENBAUMS, THE LIFE AQUATIC ("Die Tiefseetaucher") sind alle auf sehr eigene Weise unglaublich komisch, nehmen gleichzeitig aber ihre Figuren mit all ihren Problemen ernst. Liebevoll und detailverliebt konstruiert sind die Filme in jeder Hinsicht, vor allem aber auf visueller Ebene. Dazu kommt der intelligenteste und geschmackvollste Einsatz von Pop jenseits von Tarantino und das alles ergibt zusammen Filme, die mir nach langen Durststrecken wieder deutlich machen, wie wunderbar Kino sein kann.

Mancher kann mit alldem allerdings gar nix anfangen: Ich habe schon ein paarmal gehört, das sei alles öde und langweilig. Und zwar auch von Leuten, mit denen ich geschmacklich ansonsten jede Menge Gemeinsamkeiten habe.
DARJEELING LIMITED heißt der neue Film, spielt, richtig, in Indien und hat wiederum Figuren im Mittelpunkt die eng verwandt miteinander sind: Drei Brüder reisen mit dem Zug durch das Land, nachdem ihr Vater gestorben ist. Owen Wilson, Adrien Brody und Jason Schwartzman sind die Hauptdarsteller dieses Indian Railmovies und mehr will ich weder selber wissen noch Euch verraten über Plot oder Soundtrack. Alles deutet daraufhin, dass jene, die die Vorgänger schätzen, auch diesen Film sehr mögen werden. Und ihr anderen, ihr werdet garantiert wieder gelangweilt sein. Läuft im Abaton OmU, außerdem im Zeise und im Passage.



"Bestes europäisches Unterhaltungskino" schreibt der Filmdienst über WIR VERSTEHEN UNS WUNDERBAR, was ich mehr als Drohung, denn als Verheißung lese. Es ist eine Komödie mit Jean Rochefort und Charlotte Rampling, angeblich in bester Screwball-Tradition. Ich trau dem Braten nicht und befürchte statt frischem Witz gepflegte Albernheiten für das reife Arthouse-Publikum. Vielleicht findet von Euch jemand im Studio (OmU), Zeise oder Holi heraus, ob ich mit meinen Befürchtungen da ganz falsch liege.



Außerdem weiterhin:


TÖDLICHE VERSPRECHEN im Abaton OmU und im Grindel OF, außerdem noch im Cinemaxx und im UCI Othmarschen in der deutschen Fassung, die ich, ungesehen, nicht empfehlen kann. Bei den ständigen Wechseln zwischen russisch und englisch mit russischem Akzent ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass die Synchronisation da überfordert ist. Auch wenn nicht russisch wie englisch gleichermaßen zu deutsch wird. Der Originalton dürfte schon einige Schwierigkeiten bereitet haben, da die wichtigsten Russen von einem Amerikaner, einem Deutschen und einem Franzosen dargestellt werden. Beeilt euch, der Film ist gleich nach der ersten Woche bereits vom großen Saal des Abaton in die obere Schachtel gewechselt.

4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE jetzt im Alabama am Donnerstag um 20.30 Uhr und am Freitag, Sonntag und Mittwoch um 18.15 Uhr.

HOTEL VERY WELCOME immer noch im Studio.

ASTRONAUT FARMER, ein Film den man prima mit Kindern anschauen könnte, idiotischerweise nur in der Spätvorstellung im UCI Wandsbek.

VERWÜNSCHT in den Multiplexen.

PERSEPOLIS im Abaton, im Studio und ein paarmal im Alabama.

MR. BROOKS jetzt in Spätvorstellungen im Cinemaxx.

AMERICAN GANGSTER im Cinemaxx, im Grindel OF, im UCI Othmarschen und im UCI Wandsbek.

JINDABYNE ein paar mal im Magazin.

RATATOUILLE nur noch nachmittags im Studio und im Zeise, am Wochenende auch im Elbe, im UCI Wandsbek und im UCI Mundsburg.

DER GOLDENE KOMPASS in den Multiplexen.



Umsonst und zuhause:


Am Donnerstag um 22.30 THE OTHERS auf Pro 7.


Am Sonntag um 20.15 MEXICAN auf RTLII


Am Montag um 22.55 Uhr Cronenbergs CRASH auf dem Vierten.


Auch am Montag für die, die hr3 empfangen können: Wong Kar-Wais 2046 um 23.40 Uhr.


Am Dienstag der auf gute Weise altmodische Abenteuerfilm SECHS TAGE, SIEBEN NÄCHTE auf Kabel 1 um 20.15 Uhr.


Auch am Dienstag um 22.25 Uhr auf 3Sat der krude Sex/Britpot-Mix 9 SONGS von Tausendsassa Winterbottom.


Und später am Dienstagabend um 00.40 Uhr BLICKE AUFS MEER von Francois Ozon auf arte.


Am Mittwoch um 23.45 Uhr auf BR3: SOMERSAULT aus Australien von 2004.


Und auch am Mittwoch im ZDF um 01.15 Uhr verlorene Mörder in Mannheim: LOST KILLERS.



Kraut und Rüben:


Tolle Sachen nicht zu kennen ist etwas wunderbares. Da hat man noch was vor sich. Ich habe noch keinen Film von Klaus Lemke gesehen, nicht mal ROCKER. Christian hat neulich IDOLE und ARABISCHE NÄCHTE genannt, als es darum ging, ob es überhaupt komische deutsche Filme gebe. Und später hat er mich auf dieses lustige Interview mit Lemke in der taz aufmerksam gemacht, das Heiligabend erschienen ist. "Die Intellektuellen sind Leute, die am Rande der Tanzfläche stehen und so tun, als könnten sie jede bumsen. Können sie aber nicht. Denn sie können ja nicht mal tanzen. Geschweige denn bumsen."
Leider ist seine gute Ware recht rar. Hoffentlich werden in diesem Jahr im Fernsehen, auf DVD oder im Metropolis wenigstens ein paar seiner Filme zu entdecken sein.


Noch ein Gespräch: In einer alten Ausgabe der Zeit vom November habe ich jetzt erst ein Interview mit Godard entdeckt, das ebenfalls viel Lesevergnügen bereitet. "Ich bin wie jedermann, ich schaue mir immer noch lieber einen schlechten amerikanischen als einen schlechten norwegischen Film an."



Den Kinos im Land geht es miserabel, laut gejammert wird nur nicht, weil es der Filmwirtschaft ansonsten recht gut geht.
Schlöndorff hat dieses Jahr schon das Ende des Kinos heraufbeschworen, unter anderem sprach er davon, dass viel zu viele Filme die Kinos überschwemmen und die Zuschauer ratlos machen würden. Dazu hat Angela auf einen Artikel in der taz hingewiesen, der dieses Problem genauer unter die Lupe nimmt.
Für Hamburg droht 2008 noch mancher Kinotod. In Zukunft heißt diese Seite dann "In der Kinowüste".



Kinos, Folge 8: Das Union in Ingolstadt

Allen ohne Allen, Clooney als Grant und zuhause nur arte

Woche 23/2008



CASSANDRAS TRAUM steht in der Tradition britischer Sozialdramen à la Leigh oder Loach: Zwei Brüder, gespielt von Ewan McGregor und Colin Farrell, kaufen sich gemeinsam ein Boot und träumen vom besseren Leben, für das es bald aber keinerlei finanzielle Grundlage mehr gibt, so dass sie in Versuchung geraten, gegen Bezahlung ein Kapitalverbrechen zu verüben.

Für den Film spricht:

- ist von Woody Allen

- selber spielt er aber nicht mit

- Scarlett Johannson auch nicht

- ist nicht komisch (will´s auch nicht sein)

- Schauplatz ist erneut London

Dagegen spricht allerdings auch so einiges:

- ist von Woody Allen

- selber spielt er aber nicht mit

- Scarlett Johannson auch nicht

- ist nicht komisch (will´s auch nicht sein)

- Schauplatz ist erneut London

Es ist wahrscheinlich besser, sich den thematisch verwandten, aber viel mehr versprechenden TRUE NORTH, der vor 2 Wochen gestartet ist, anzugucken, falls es dazu noch eine Gelegenheit geben wird. Und auf den nächsten Allen-Film zu warten, übrigens auch wieder mit Scarlettchen. Im Fernsehen sind diese Woche außerdem drei seiner Klassiker aus den 70ern zu sehen.

Wenn er selber mitspielt, gehören seine Filme zu den wenigen, die ich mir auch gerne in einer Fassung angucke, in der die Mundbewegungen nie ganz mit dem gesprochenem Wort übereinstimmen. Das liegt am formidablen Synchronsprecher Allens, Wolfgang Draeger, gegen dessen Stimme Allens eigene geradezu lahm und langweilig klingt. Ähnlich ging mir das früher mit Robert De Niro, bis der viel zu viel beschäftigte Christian Brückner mit seiner Allgegenwart zu nerven begann. Grundsätzliches zum Thema OmU vs. DF hat Thomas Hunziker neulich in seinem Filmblog geschrieben: "Ich behaupte keinesfalls, dass Kinogänger, die synchronisierte Filme bevorzugen, doof sind (...), aber faul sind sie sicher."
CASSANDRAS TRAUM läuft im großen Klappleinwandsaal des Passage, außerdem im Zeise und im Abaton.


Wenn es einen derzeitigen Hollywoodstar gibt, der den großen Darstellern der klassischen Srewball-Komödie wie Cary Grant oder James Stewart das Wasser reichen kann, dann ist das George Clooney. Er scheint aber zu finden, dass ihm zu wenig Rollen angeboten werden, die ihm Gelegenheit geben sein diesbezügliches Talent unter Beweis zu stellen. Jedenfalls hat er jetzt (schon zum dritten Mal) selber Regie geführt bei einem Film, der sich an den Komödien der späten 30er und 40er Jahre orientiert und ihm selber in der Hauptrolle reichlich Raum für Charme und schlaue Sprüche gibt: EIN VERLOCKENDES SPIEL mit Renée Zellweger als Gegenpart.
Leider spielt der Regisseur Clooney offensichtlich nicht in der Liga von Howard Hawks oder Frank Capra, seine Hommage soll bei zwar ganz erquicklichen Dialogen insgesamt etwas schwerfällig und lahmarschig sein. Und die Handlung ist in den 20er Jahren angesiedelt, so dass die Komödie zum Kostümfilm gerinnt und alle Leichtigkeit unter der penibel zusammengesuchten Ausstattung verschwindet. Und um welches Spiel geht´s überhaupt? Um Football. Och nö. Läuft im Holi.




Das Internationale Kurzfilm Festival hat am Mittwoch angefangen und läuft noch bis einschließlich Montag in 5 Kinos, hier ist der Programmplan als PDF. Man kann natürlich auch auf die Kurzfilmprogramme pfeifen und nur abends den Festivalclub aufsuchen, auch wenn´s da nicht mehr ganz so schön wird wie zu den Zeiten, als das Festival noch "No Budget" hieß und die Partys vom Funclubteam ausgerichtet wurden. Empfohlen sei jedenfalls besonders die Datscha Party am Samstag, Veranstaltungsort ist das Kulturforum Altona in der Jessenstraße 4. Wer eigentlich Interesse hat, aber von EM und Wetter vom Kinobesuch abgehalten wird, hat noch einmal am 14.6. ab 20.00 Uhr Gelegenheit die interessantesten und preisgekrönten Filme in der "No Nite" im Metropolis zu sehen, eine schöne Tradition, die dadurch enstand, dass sich das "No Budget Festival" in dieser Form beim alljährlich wenige Wochen später stattfindenden "Low Budget Festival" vorgestellt hat. Vor zwei Jahrzehnten.



Außerdem neu:



Eine Rom-Com mit märchenhaften Zügen, die arme Hauptfigur muss mit einer Schweinenase durchs Leben laufen, Grund dafür ist ein Familienfluch, gegen den Liebe aber hilft. Die bedauernswerte Christina Ricci ist soweit gesunken, dass sie diese Rolle angenommen hat, in der sie aussieht wie das Sams, nur ohne Wunschpunkte und ohne Taucheranzug. Erst soll´s sogar etwas an Tim Burton erinnern, dann aber jeden narrativen Schwung verlieren, bis endlich das zuckrige Ziel erreicht wird. Nur für kleine bis pubertierende Mädchen geeignet. PENELOPE läuft in den UCI-Multiplexen und im Cinemaxx Harburg.


Und: Ein italienisches Melodram um ein schwules Paar und einen Schicksalsschlag. Einer der beiden kippt mitten bei einem Essen mit Gästen plötzlich um. Hirnschlag. SATURNO CONTRO erinnert angeblich an Almodovars SPRICH MIT IHR, nur etwas zahmer, glatter und verzichtbarer. "Ein optimistischer Film voller Humor über Freundschaft, Tod und Seitensprünge", so die Pressemitteilung. Wen das anspricht, der geht vielleicht ins Studio.




Und: Das Remake eines müden Metzelfilms von 1980, in dem Jamie Lee Curtis erneut rumkreischen durfte, damals ein billiger Versuch, auf der HALLOWEEN-Welle zu reiten. Die vollkommen unnötige Neuauflage soll das Original noch in jeder Hinsicht unterbieten. PROM NIGHT läuft in den Multiplexen.


Und: Ein debiler Footballfilm. THE COMEBACKS läuft im UCI Wandsbek und geht uns hoffentlich nächste Woche auch gleich wieder aus den Augen und aus dem Sinn.




Und: Sind sie erst einmal tot, dann wird Popmusikern gerne ein Biopic nachgeworfen, inzwischen selbst deutschsprachigen Sangeskünstlern. Herbert, Udo, Marius und Wolfgang kommen auch noch dran. FALCO - VERDAMMT, WIR LEBEN NOCH läuft im Cinemaxx.



Weiterhin:



THINGS WE LOST IN THE FIRE im Passage nur noch um 18.00 Uhr, außerdem im UCI Mundsburg und im UCI Othmarschen. Wird leider wohl schnell wieder raus sein aus den Kinos.

BRÜGGE SEHEN UND STERBEN? im Abaton OmU, im Passage, im Zeise und im UCI Wandsbek.

FLEISCH IST MEIN GEMÜSE im Magazin, im Blankeneser, im Abaton und im Studio.

CHIKO im Abaton, im Studio und im UCI Wandsbek.

INDIANA JONES UND DAS KÖNIGREICH DES KRISTALLSCHÄDELS manchmal im Streits OF, im Koralle und in den Multiplexen.



Filme, die wir zum Glück nicht gesehen haben, Folge 12:

Die schreckliche Binoche und Johnny Depp als so eine Art Zigeunerbaron im idyllischen ländlichen Frankreich der 50er Jahre, garniert mit schwelgerischen Aufnahmen von Süßwaren. Muss völlig unerträglich sein. Die imdb-Nutzer sehen das aber anders, die durchschnittliche Wertung liegt bei sagenhaften 7,3 Punkten und die Kommentare sind überschrieben mit: "What a wise and beautiful movie!" oder "Taste-teasing Mouthmelting Movie Magic" oder "A Sweet Delight!", so geht das seitenweise. Hat Depp noch irgendetwas ähnlich schreckliches verbrochen?



Umsonst und zuhause:



Zu Jahresbeginn wünschte ich mir Klaus-Lemke-Filme im Fernsehen oder anderswo und hier ist endlich der erste, arte sei dank: ARABISCHE NÄCHTE mit Cleo Kretschmer, soll sehr komisch sein, höchst eigenwillig mit viel Improvisation sowieso. Am Freitag um 23.20 Uhr, ShowView 2.269.148




In der Nacht von Samstag auf Sonntag, wieder auf arte, gibt es das polnische Drama von 2003 mit dem Titel BERÜHR MICH! Episodisch werden ganz normal verkorkste Menschen vorgestellt, die ihr ganz normal verkorkstes Leben leben und nach Liebe suchen. Soll manchmal komisch und manchmal düster und immer gut sein. (in OmU!) Um 00.05 Uhr, ShowView 2.937.682




Und wieder auf arte läuft am Sonntag eine experimentelle Collage aus Spielfilmschnipseln, die sehr hübsch anzuschauen sein soll, aber inhaltlich wohl etwas wirr ist. IMITATIONS OF LIFE (IN TEN PARTS) von Mike Holboom wird um 23.55 Uhr ausgestrahlt, (auch in OmU!) ShowView 1.915.750




Eben noch im Kino und schon im Fernsehen, auf arte natürlich, läuft die Dokumentation RUBLJOVKA. Ein Film über die sehr unterschiedlichen Anwohner der Moskauer Prachtstraße. Soll ein Bild des neuen Russland ergeben, vielleicht etwas russophob, bestimmt aber interessant. (Und wieder OmU!) Am Dienstag um 23.00 Uhr, ShowView 5.255.923




Am Mittwoch schließlich zeigt arte (auch wieder in OmU!) in deutscher Erstaufführung ein Drama aus der chinesischen Provinz: TAG UND NACHT. Es geht um Ehebruch, um einen Tod im Bergwerk und um schwere Schuld, soll ruhig und eindringlich erzählt sein. Um 22.30 Uhr, ShowView 843.324 (kein VPS)




Kinos, Folge 30: Das UCI Mundsburg in Hamburg-Uhlenhorst

Auch eine Art, das Kino zum Verschwinden zu bringen: Die Lage des Säle ist nicht einmal zu erahnen, die Kassen liegen in einem schmalen Gang der Einkaufspassage im zweiten Stock zwischen Dönerbuden und Bäckerverkaufstellen, über eine schmale Rolltreppe gelangt man mit seiner Eintrittskarte noch eine Etage höher in das dunkle "Foyer", ein Raum, der gefüllt ist mit Verkaufstresen und Pappaufstellern mit dem Charme eines Elektromarkts. Wenn man im Saal ist und das Licht ausgeht, kann man das Umfeld endlich vergessen und sich immerhin am 35mm Bild auf einer großen Leinwand, am guten Ton und bequemen Sitzen erfreuen. Die Abbildung zeigt den einzigen Bereich, der etwas großzügiger gestaltet ist: Der Eingangsbereich des gesamten Centers, nicht des Kinos. Werden dafür Filme gemacht?


Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden auf diese Seiten führte: "unvergessliche Sexszenen" (1. Treffer!)

Eine Hochzeit, eine Sünde, viele Monster und noch mehr Außerirdische

"Das Filmemachen sollte eigentlich (...) ein ziemlich faszinierendes Abenteuer sein. Das ist es nicht; es ist eine nicht endenwollende Balgerei zwischen geschmacklosen Egoisten, von denen manche mächtig, fast alle Schreihälse und ebenso fast alle unfähig sind, etwas Schöpferisches zu vollbringen, das über Ideendiebstahl und die eitle Beförderung der eigenen Person hinausgeht."

Raymond Chandler, der letzte Woche in den Feuilletons auftauchte, weil sein Todestag, der 26. März, sich zum 50. Mal gejährt hatte. Ein so häufiger wie eigentlich befremdlicher Anlass für Elogen. ("Ein halbes Jahrhundert ist der Arsch unter der Erde. Das muss gefeiert werden!")


Woche 14/2009 (2.4. - 8.4.)

Die Neustarts:


Der Titel lässt einen die übliche zuckrige wie debile Romcom erwarten, doch handelt es sich hier um etwas völlig anderes: Der Zuschauer von RACHELS HOCHZEIT taucht während der Vorbereitungen zu eben dieser in die Abgründe einer amerikanischen Familie ein, die zum Glück nicht schon wieder von irgendwelchen elenden Missbrauchsgeschichten gefüllt sind, sondern zur Abwechslung mal gewöhnlichere und damit wahrhaftigere Probleme enthalten. Vor allem geht es um die Schwester der Braut, gespielt von Anne Hathaway, bekannt als Assistentin mit Nehmerqualitäten aus DER TEUFEL TRÄGT PRADA, die als nervöses Wrack das Gelingen der Feier akut gefährdet. Der Film hat mehr mit europäischem Kino als mit Hollywoodstandards zu tun; dafür sorgt die wackelige Handkamera, das Bestreben nach Authentizität und das kleine Budget. Regie führte Jonathan Demme, der einst bei Roger Corman startete und in seiner Filmographie vom ZUCHTHAUS DER VERLORENEN MÄDCHEN (ja ja, halbnackte Frauen hinter Gittern) über Dokumentar- und Konzertfilme (STOP MAKING SENSE) bis hin zu Hollywood-Blockbustern wie DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER höchst unterschiedliche Werke angehäuft hat.

RACHELS HOCHZEIT läuft nur in den Elbvororten, wo man ähnlich gut lebt wie Rachels Eltern, im Blankeneser und im UCI Othmarschen. Hier die übrigen Kinos.


Carlos Reygadas, der Regisseur der beiden eigenwilligen Filme BATTLE IN HEAVEN (ein Szenenfoto daraus hat diesem Blog letztes Jahr erstaunliche Besucherzahlen verschafft, die kamen alle über die Googlebildersuche) und JAPON, hat vor zwei Jahren in Cannes für diesen Film den Jurypreis erhalten. Jetzt kommt STELLET LICHT doch noch in unsere Kinos. Ein kleines Wunder, macht die Kombination von einer faszinierenden Bildsprache mit einer sperrig und dialogarm erzählten Geschichte, Laiendarstellern, einem obskuren Herkunftsland (Mexiko) und einem noch viel obskureren Setting (spielt in der Welt von Mennoniten, die in der mexikanischen Provinz unbeirrt Plautdietsch sprechen) zwar Kritikern viel Freude, erweist sich aber sicher nicht als Kassenknüller.

Worum es geht? Um einen Mann, zwei Frauen, die Gemeinde und Gott. Mir gefallen Geschichten von Menschen, die sich gegen engstirnige Gemeinschaften stellen. (Wenn das mal nicht mit den ganzen Baptisten in meiner Familie zu tun hat.) Aber wen das Thema kalt lässt, der hat vielleicht Freude an einem der formal sicher interessantesten Filme des Frühjahrs.

STELLET LICHT läuft im 3001. Hier die Abspielorte anderswo.


Außerdem neu:


Ein computeranimiertes 3D-Spektakel, in dem Monster die Erde gegen Außerirdische verteidigen, eine Parodie auf die Invasions-Paranoia-Filme der Fünfziger mit hübsch designten originellen Figuren; das klingt doch erstmal alles sehr viel versprechend. Nur hat die am attraktivsten daherkommende Dreamworks-CGI-Produktion, die es je gab, wahrscheinlich einen Haken: Besonders komisch scheint die Komödie nicht zu sein. Der Trailer entlockt mir nicht einmal ein Schmunzeln, und das ist in diesem Genre höchst verdächtig; da wird das Pointenpulver gemeinhin schon gern verschossen. Ich gehe so oder so rein, nämlich als Begleiter eines von Vorfreude schwer erregten Sechsjährigen und werde sicher auch meine Freude an den 3D-Effekten haben; mir machen solche Jahrmarktsattraktionen Spaß. Roger Ebert dagegen überhaupt nicht:

"Ich sag es gleich, damit es erledigt ist: 3-D ist eine einzige Ablenkung und ein Ärgernis. Junge Kinobesucher glauben vielleicht, sie mögen es, weil man es ihnen so beibringt und Filmqualität kümmert sie meist nicht sonderlich. Aber für jeden, der sich einfach in Ruhe das verflixte Ding anschauen will, so wie ich, ist es ein fortwährendes Knuffen in die Seite, das einem sagt: Scher' dich nicht um die Geschichte, guck einfach wie toll ich aussehe. Wenn das nicht nur für die Kleinen, sondern auch für Erwachsene die Zukunft des Kinos darstellt, dann mögen Heilige uns beistehen."

MONSTERS VS. ALIENS läuft bei uns in 3D in den UCI-Multiplexen; eine Auflistung der 3D-Spielorte bundesweit für einzelne Filme gibt es immer noch nirgendwo; da hilft nur der Vergleich der aktuellen Liste der entsprechend ausgestatteten Kinos mit der ungefilterten Aufzählung der Spielorte des Films.

Ein Problem ist wieder, dass für die deutsche Fassung irgendwelche Fernsehtypen wie Ralf Möller oder Sebastian Höffner engagiert wurden; Hauptsache sie sind ein wenig prominent. Dabei sind die animierten Figuren auf die Originalsprecher zugeschnitten; die bestmögliche Lösung bestünde also darin, die deutschen Synchronsprecher von Reese Witherspoon, Kiefer Sutherland oder Renée Zellweger einzusetzen. Ach, ein frommer Wunsch bleibt das.


Oha, ein für deutsche Verhältnisse sauteurer Film über einen Siemenswerksleiter und Nazi, der in einer Anwandlung von Herzensgüte mit Hilfe von schönen Hakenkreuzfahnen "seine" Chinesen vor japanischen Bomben rettet. Und alles spricht dafür, dass es genauso doof und unerträglich ist, wie man sofort erwartet: Berichtet wird von schmalziger und erdrückender musikalischer Bombastbegleitung, von Chinesen als einer amorphen Masse schlitzäugigen Kanonenfutters, von übelsten Sentimentalitäten, von Reißbrettcharakteren und öder Dramaturgie.

Interessant ist der Schinken höchstens im Vergleich zum chinesischen Film zum selben Thema, den es dieses Jahr hoffentlich auch bei uns noch zu sehen geben wird.

JOHN RABE bei uns im Passage, im Abaton und im UCI Mundsburg, die Kinos anderswo sind hier gelistet.


An meine wenigen Begegnungen mit den artifiziellen, bizarren, schwerstschwulen und hochkulturell durchtränkten Filmwelten von Werner Schroeter denke ich mit Schrecken zurück und werde den Teufel tun, mir das das jüngste Werk, DIESE NACHT, des alten Regisseurs anzuschauen. Scheint auch alles wie gehabt zu sein: "Großartige Bilder und Momente, aber ein rätselhafter Gesamteindruck fügen sich zu einem völlig unzeitgemäßen Film. Faszinierend, wie Schroeter jede Konzession an den Zeitgeist vermeidet", lobt Rüdiger Suchsland. Falls ihr dieser Faszination auch erliegen wollt, geht ins Metropolis am Steindamm. Hier die weiteren Kinos.


Der jüngste und offenbar besonders miese Beitrag der Actionserie mit getunten Autos und Titten. Hier die Kinoübersicht für FAST & FURIOUS – NEUES MODELL. ORIGINALTEILE. (Doch, der Titel enthält wirklich einen Punkt.) Die Actionszene, die zwei Drittel des Trailers ausfüllt, dürfte den einsamen Höhepunkt darstellen. Bis dahin gibt es wohl reichlich dämlichen Quark auszulöffeln.


RELIGULOUS ist eine Verballhornung von "religous" und ridiculous"; es handelt sich um eine Doku, in der der populäre Talkshowplapperer Bill Maher überall in der Welt mit religiösen Spinnern redet und diese dabei als religiöse Spinner entlarvt. Nur für Kirchgänger und andere Gläubige zu empfehlen. Hier die Kinoübersicht. Wer tatsächlich Interesse hat und nicht in Berlin lebt, sollte unbedingt auf die DVD-Veröffentlichung warten: Die Interviews wurden in der sonst überall gezeigten deutschen Fassung wie in einem Spielfilm synchronisiert, das dürfte ziemlich unerträglich sein.



Wöchentliche Provinzialitätsmessung:


Anderswo startet auch nicht mehr. Schon wieder 100%! Woran liegt's? Kommen diese Jahr vielleicht einfach weniger Filme in die deutschen Kinos? Nächste Woche mehr dazu.



Weiterhin:


O´HORTEN wieder im Alabama. Hier die Kinos andernorts.

SLUMDOG MILLIONAIRE bei uns im Streits OF, im Abaton OmU und in deutscher Fassung im Zeise und in allen Multiplexen. Die Kinos andernorts hier.

THE WRESTLER spät im 3001 OmU, noch einmal spät im Abaton OmU, synchronisiert im Magazin und am Montag im Cinemaxx Harburg. Hier die Kinos andernorts.

GRAN TORINO bei uns im Abaton OmU, im Streits OF, ansonsten im Holi, Zeise, Koralle, in den UCI-Multiplexen und hier andernorts.

JERICHOW wieder im Elbe. Hier die weiteren Kinos.

VICKY CRISTINA BARCELONA im Passage und im Koralle. Und hier ansonsten.

DIE KLASSE noch ein paarmal mittags OmU im Abaton. Außerdem noch hier.

WALTZ WITH BASHIR noch einmal nachmittags am Samstag im Abaton. Hier die restlichen Kinos.

Nicht mehr bei uns, aber noch anderswo zu sehen: DER KNOCHENMANN (Kinos), THE FALL (Kinos), REVANCHE (Kinos), SO FINSTER DIE NACHT (Kinos), 35 RUM (Kinos), ALTER UND SCHÖNHEIT (Kinos), IT´S A FREE WORLD (Kinos), DER FREMDE SOHN (Kinos), BOLT (Kinos) und DIE PERLMUTTERFARBE (Kinos).



Außer der Reihe:




Im Metropolis: Unter anderem wird DAS SIEBENTE SIEGEL auf der Riesenleinwand gezeigt. Eine Gelegenheit für alle, die die 250 bestbewerteten Filme bei imdb alle kennen wollen: Der Ingmar-Bergmann-Film steht zur Zeit auf Platz 101 (Note 8,4).
Weiter geht's außerdem mit der Gérard-Dépardieu-Reihe.



Umsonst und zuhause:


Am Donnerstag:




Ausnahmweise hier ein Hinweis auf einen originären Fernsehbeitrag: Anlässlich des frisch erhaltenen Grimmepreises gibt es auf N3 um 23.00 Uhr direkt im Anschluss an Extra 3 eine Extra-Extra-3-Sendung mit den schönsten Johannes-Schlüter-Reportagen, die letzten Sonntag auch gebührend von Stefan Niggemeier in der FAS gelobt wurden. Lässt sich aber auch prima online gucken; die Filmchen haben genau die richtige Länge für youtube. Herrlich. ShowView 933.531


Am Freitag:



Robert Mitchum und Deborah Kerr als soldatisches Raubein und keusche Schwester ganz allein auf einer einsamen Insel. Von John Huston, gedreht 1957. Muss man gesehen haben. DER SEEMANN UND DIE NONNE im WDR um 23:15 Uhr, ShowView 3.456.048


Auch am Freitag:



Geht'n Killer zum Psychologen ... nein, PANIC ist keine Klamotte, sondern bringt das Kunststück fertig, trotz der von Genrekonventionen bestimmten Ausgangsituation überzeugende Charaktere und ein intensives Drama zu entwickeln. Roger Ebert hielt den Film für einen der besten des Jahres 2000 und hat ihn in seinem "Overlooked Film Festival" präsentiert. Mit dem tollen William H. Macy.
ShowView 1.902.159 (VPS: 8.178.365)


Am Samstag:



Zwei Jahre nach dem REICH DER SINNE hat Nagisa Oshima so eine The-Postman-always-rings-twice-Geschichte aus dem Japan des 19. Jahrhunders erzählt, plus Geistererscheinungen. Toll gefilmtes Drama, selten gezeigt und blöderweise wegen des Erfolgs des Vorgängers irreführend betitelt: IM REICH DER LEIDENSCHAFT. Auf Tele5 um 22:10, ShowView 7.297.164




Auch am Samstag:


Spröder kleiner, grobkörniger Schwarz/Weiß-Film aus Argentinien, in dem zwei fast gleich aussehende Lesben eine Verkäuferin entführen und mit ihr ans Meer fahren. Sieht ein wenig nach STRANGER THAN PARADISE aus (sogar das Plakat). AUS HEITEREM HIMMEL, im WDR, um Mitternacht, ShowView 350.259


Auch am Samstag:


Die schönste Variante der Bodysnatchergeschichte, von 1978, mit Donald Sutherland: DIE KÖRPERFRESSER KOMMEN im Ersten um 01:10 Uhr, ShowView 6.251.501
Unvergesslich die Schreie und ausgestreckten Arme der Befallenen: Was für ein simples und dabei unheimlich effektives Mittel!


Am Sonntagmorgen:



Klassischer und guter früher Alfred-Hitchcock-Film aus Großbritannien, von 1936, mit Peter Lorre in seiner letzten Rolle, bevor er weiter nach Hollywood ging. GEHEIMAGENT auf Tele5 um 08:55 Uhr, ShowView 23.193.679


Auch am Sonntag:


Ein Drama aus der neuseeländischen Provinz in den vierziger Jahren: Ein Farmer dreht durch und läuft Amok. Soll ein unterschätzter und solider Actionfilm mit vernünftig ausgearbeiteten Charakteren sein. BÖSES BLUT, von 1980, um 00:10 Uhr auf 3Sat, ShowView 97.923.254



Am Montag:



ENGLAND! von Achim von Borries, die Geschichte eines traurigen, strahlenverseuchten Russen in Berlin, ist einer der besten deutschen Filme des Jahrzehnts, der absurderweise kaum Beachtung fand und nicht auf DVD erhältlich ist. Also programmieren: Im ZDF um 23:50 Uhr, ShowView 4.846.273



Am Mittwoch:



Der eine der beiden gelungenen Gaunerfilme von Guy Ritchie, SNATCH – SCHWEINE UND DIAMANTEN; wie vielversprechend sah das vor einem knappen Jahrzehnt aus; wie schade, dass das schon der Höhepunkt seiner Karriere war. Die deutsche Synchronisation des Gebrabbels von Brad Pitt ist übrigens erstaunlich gut gelungen.
Um 22:15 Uhr auf
Kabel 1, ShowView 5.304.137


Auch am Mittwoch:



Klaus Lemke, der Regisseur des legendären ROCKER hat vor zwei Jahren wieder in Hamburg gedreht, das Low-Budget-Drama heißt DANCING WITH DEVILS und erlebt seine Premiere jetzt im Fernsehen, im ZDF um 23:45 Uhr. Es steht zu befürchten, dass der Kiez- und Koksfilm nicht an frühere Wunderwerke des Improvisationsmeisters mit großer Klappe heranreicht. Mal sehen. ShowView 6.688.359


Auch am Mittwoch:



Ein Verbrechen, erzählt in RASHOMON-Manier aus sechs Perspektiven, nacheinander. DIE NACHT DER SONNENBLUMEN könnte ein cleverer und spannender Psychothriller sein. Hoch bewertet bei imdb mit der Durchschnittsnote 7,3. Kommt aus Spanien, ist von 2006 und läuft auf arte um 23:15 Uhr in deutscher Erstaufführung. Zum Glück hatten sie kein Geld für die Synchronisation; der Film wird OmU ausgestrahlt, ShowView 3.671.408



Wie immer gibt es außerdem noch viele weitere sehenswerte und wohlbekannte Filme im Programm, beispielsweise die Klassiker URTEIL VON NÜRNBERG,
DER MANN IN DER SCHLANGENHAUT, EINST EIN HELD und WIR SIND VOM SCHOTTISCHEN INFANTERIE-REGIMENT (Laurel & Hardy), die Dokus UNSER TÄGLICH BROT, WORKINGMAN'S DEATH und WE FEED THE WORLD, die Genre-Highlights EXISTENZ (Cronenberg), BLUE STEEL und TAXI DRIVER, die Kim-Ki-Duk-Filme BIN-JIP, SAMARIA und HWAL sowie DAS HOCHZEITSBANKETT, DIE BLECHTROMMEL und DER BAUCH DES ARCHITEKTEN (Greenaway). Wer suchet, der findet.

Wer die Fernsehtipps lieber häppchenweise, an den jeweiligen Ausstrahlungstagen lesen will, wechselt zur Fernsehprovinz.



Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden
auf diese Seiten führte: "strenge Schwester".

Maßlose Opulenz und ein Führer für Perverse

"Wenn nachher dein Name draufsteht, musst Du die Verantwortung übernehmen. Darum kämpfe ich für Kontrolle. Wenn mein Name nicht draufsteht, scheiß drauf."


Terry Gilliam



Woche 11/2009 (12.3. - 18.3.)

Die Neustarts:




THE FALL ist keine Doku über die Band des meist übellaunigen Mark E. Smith, sondern ein einzigartiger Bilderreigen des Werbe- und Videoclip-Regisseurs Tarsem Singh (THE CELL), den dieser in vier langen Jahren in 28 Ländern produziert und selbst finanziert hat. Es scheint sich um ein visuell völlig überbordendes Spektakel zu handeln, das von manchen als prätentiös und aufgeblasen abgelehnt, von Roger Ebert aber zu den 20 besten Filmen des vergangenen Jahres gezählt wird: "Sie werden den Film sehen wollen, allein schon weil er existiert. So etwas wird es nicht noch einmal geben."
Der narrative Vorwand: Ein Stuntman liegt nach einem Unfall 1915 mit gelähmten Beinen in einem halb verlassenen Krankenhaus und denkt sich für ein kleines Mädchen eine märchenhafte Geschichte aus, das sich (und uns) diese mit phantastischen Bildern ausmalt. Und das sieht dann etwa so aus:

Angeblich wurden all die Effekte ohne jede Computeranimation realisiert. Das ist alles andere als kitschfrei und wahrer Bombast, und wer das nicht erträgt, sollte dem hübsch fernbleiben. Doch wer, wie ich, etwas übrig hat für die wahnwitzigen Welten von Alejandro Jodorowsky, Terry Gilliam oder Guillermo del Toro, dem wird auch diese üppige Bilderflut gefallen. Noch mal Ebert: "THE FALL ist so kühn, dass, wenn Variety ihn ein 'Projekt der Eitelkeit' nennt, man nur den Mann bewundern kann, der eitel genug ist, ihn zu machen". (imdb: 8,0)
Bei uns nur im UCI Wandsbek; da sollte man nicht noch eine Woche warten. Die Kinos anderswo hier.



Außerdem neu:



Ein Film aus Jordanien, der es nicht nur als erster Film aus dem Land geschafft hat, überhaupt anderswo gezeigt zu werden, sondern auch gleich auf mehreren Festivals ausgezeichnet wurde. Ein Hausmeister auf dem Flughafengelände macht Kindern in seiner Nachbarschaft weis, er sei Pilot und erzählt von seinen angeblichen abenteuerlichen Erlebnissen, bis ihm einer der Jungs draufkommt. Anschließend hilft er dann als herzensguter Onkel zweien der Kinder, die sehr reale Probleme haben. Wird überwiegend äußerst wohlwollend besprochen; wenn ich aber die Wörter "herzerwärmend", "poetisch" und "sanfmütiger Grunderzählton" in der hymnischen Besprechung Stefan Volks im filmdienst lese, der schließlich gar von der "Kraft und Reife eines Meisterwerks" schwärmt, dann wittere ich ganz üblen Erbauungskitsch und mache sicherheitshalber einen großen Bogen um CAPTAIN ABU RAED, der bei uns im Abaton und im Koralle läuft. Hier die Kinos anderswo.



Der nach wie vor schwer angesagte slowenische Philosoph, Psychoanalytiker und Selbstdarsteller Slavoj Žižek darf in einem Film von Sophie Fiennes (ja, tatsächlich die Schwester von Ralph und Joseph) sich mal nicht nur schriftlich mit dem Kino beschäftigen, sondern Filmschnipsel von PSYCHO bis zu MATRIX aus dem Off kommentieren. Zwischendurch wird er dann selbst in Szene gesetzt und zwar immer an Locations, die den Originaldrehorten berühmter Filmszenen möglichst nahe kommen: Also steuert er im Boot den Steg aus Hitchcocks DIE VÖGEL an oder steht mit dem Gartenschlauch im Vorgarten aus David Lynchs BLUE VELVET. Das ist eine so alberne Idee, dass zu befürchten steht, dass einem danach all die von Žižek entdeckten unzähligen Bedeutungsebenen der Filme etwas luftig vorkommen. Aber das macht nichts; vielleicht hat man dann erst recht Freude am Salbadern des Theorie-Clowns. THE PERVERT'S GUIDE TO CINEMA läuft im Abaton nur zweimal diese Woche, am Montagabend und am Mittwochnachmittag. Es gibt offenbar nur höchstens eine Handvoll Kopien, die vom Zweitausendeins Versand mal hier und mal dorthin geschickt werden. (Hoffentlich sind es überhaupt Kopien und nicht einfach nur die DVDs, die man eh schon kaufen kann)



Es ist ja die Frage, ob überhaupt irgendjemand Remakes braucht, von den Blake-Ewards-Komödien mit Peter Sellers als Inspektor Clouseau sollten sie aber ganz sicher die Finger lassen. Da aber künstlerisches Scheitern oft mit kommerziellem Erfolg belohnt wird, gibt es jetzt den ROSAROTEN PANTHER 2, wieder mit Steve Martin. "Zum Schlapplachen", meint die Zeitschrift Mädchen. DER ROSAROTE PANTHER 2 läuft bei uns und anderswo in sämtlichen Multiplexen.
Mich hat jedenfalls interessiert, wie der animierte Vorspann aussieht.

Das hier dagegen ist der erste eigenständige Cartoon, von 1964:



Im Herbst kommt die Verfilmung von Anna Maria Schenkels "Tannöd" in die Kinos; jetzt gibt's einen angestrengten Gruselfilm zu sehen, der auf demselben realen und unaufgeklärten Verbrechen beruht. Soll ungelenk inszeniert und von Benno Fürmann und Alexandra Maria Lara recht hölzern gespielt sein. Verlässlich ist es ja, das deutsche Kino. HINTER KAIFECK läuft im UCI Wandsbek und hier.




Heike Makatsch versucht möglichst genau so zu gucken, sich so zu bewegen und auch noch so zu singen wie die Knef und wird dafür entsprechend angezogen und angemalt. Ich würde ja verstehen, wenn man sowas in einer Fernsehshow machte, könnte sogar ganz unterhaltsam sein, drei Minuten lang, zwischen anderen Imitatoren, deren Leistungen meinetwegen auch noch von einer Jury beurteilt werden, aber wieso so ein Quatsch anderthalb Stunden lang im Kino gezeigt wird und auch noch viele das sehen wollen, ist mir ein großes Rätsel. Da schau ich mir lieber noch einmal den ganz erstaunlichen FILM OHNE TITEL mit Hildegard Knef von 1948 an.
HILDE läuft im Koralle, Cinemaxx, Cinemaxx Wandsbek, UCI Mundsburg und UCI Othmarschen. Hier die Kinos andernorts.




Eine Komödie mit den üblichen sentimentalen Beigaben über eine Frau, ihre Karriere und ihre unverhältnismäßigen Ausgaben. Ach ja, Liebesprobleme gibt's natürlich auch noch. Der Film übt einerseits verlogene Konsumkritik und ergibt sich andererseits dem hemmungslosen Konsumrausch. Scheint sich noch unter dem bei solcher "Sex-And-The-City"-Thematik üblichen Niveau zu bewegen: Das Tomatometer zeigt 22% an.
SHOPAHOLIC – DIE SCHNÄPPCHENJÄGERIN läuft in sämtlichen Multiplexen und hier anderswo. Wer das guckt, ist doof.




Depperter Horrorquark, der eine Variante der Geschichte vom EXORZISTEN erzählt, mit ein wenig jüdischem Zierrat und einem bösen Dämon, den ein teuflischer Josef Mengele in Auschwitz durch irgendwelche Experimente heraufbeschworen hat. Das Tomatometer zeigt 13% an und die imdb-Nutzer bewerten den Film mit der Durchschnittsnote 4,6. Schlimmer geht's fast nimmer. THE UNBORN läuft bei uns im Streits OF, in fast allen Multiplexen und hier auch überall.




ISSIZ ADAM ist ein pathetisches Mainstream-Drama aus der Türkei, über einen Mann, der nicht lieben kann. Im emotionalen, nicht sexuellen Sinn. Scheint mal kein Trash, aber mindestens abgeschmacktes Kunstgewerbe zu sein. Und das ist vielleicht noch schlimmer.
Im Cinemaxx Harburg, UCI Wandsbek und in diesen Städten.



Wöchentliche Provinzialitätsmessung:


Anderswo, aber nicht bei uns, startet außerdem diese Woche BACHING, eine deutsches Drama um ein überfahrenes Kind und die Folgen für den Schuldigen (Kinos), GARAGE, die Geschichte eines tumben Tankwarts in einem irischen Kaff , gleichzeitig Slapstick und Drama (Kinos), MUZIKA, ein Film über einen Mann in der Tschechoslowakei, der vom Saxophonspielen und vom Westen träumt (Kinos) und NUR EIN SOMMER, der von Käse und Liebe zwischen Eberswalde und einer Alm in den Schweizer Alpen erzählt (Kinos). In Berlin sind auch diese Filme, wie immer, alle zu sehen. Bei uns dagegen nur 67%.

Aber immerhin kann man ab sofort auch in Hamburg digitale 3D-Filme sehen: Alle UCI-Multiplexe sind jetzt mit entsprechender Technik ausgestattet. Nur ist das keineswegs eine Premiere, wie das Hamburger Abendblatt meldet; im Grindel ging das auch schon. Das wurde aber letztes Jahr abgerissen ...


Weiterhin:


DER KNOCHENMANN im Zeise und am Sonntagnachmittag im Abaton. Und anderswo. Verpasst ihn nicht. Ein Glücksfall.

THE WRESTLER läuft bei uns OmU im 3001 und im Abaton, synchronisiert im Cinemaxx nur noch nachmittags und spät im UCI Othmarschen. Hier die Kinos andernorts.

35 RUM im 3001 und hier andernorts.

GRAN TORINO bei uns im Abaton OmU, im Streits OF, ansonsten im Holi, Zeise, UCI Mundsburg, UCI Othmarschen und hier andernorts.

VICKY CRISTINA BARCELONA im Passage und in einer Sonntagsmatinee im Zeise. Und hier ansonsten.

BOLT ab sofort in allen drei UCI-Multiplexen in 3D! Und hier andernorts.

Nicht mehr bei uns, aber noch anderswo zu sehen: REVANCHE (Kinos), JERICHOW (Kinos), SO FINSTER DIE NACHT (Kinos), DIE KLASSE (Kinos), LULU UND JIMI (Kinos), ALTER UND SCHÖNHEIT (Kinos), IT´S A FREE WORLD (Kinos), WALTZ WITH BASHIR (Kinos), O´HORTEN (Kinos), DER FREMDE SOHN (Kinos) und DIE PERLMUTTERFARBE (Kinos).



Außer der Reihe:



Das 3001 zeigt diese Woche im Spätprogramm von Samstag bis Montag den Lieblingsfilm von John Lennon: Alejandro Jodorowskys EL TOPO. An gleicher Stelle läuft am Dienstag und Mittwoch der legendäre TODESKING des Berliner Trash-Maestros Jörg Buttgereit. Persönlich ist er am Freitag im 3001 zu Gast, mit seiner mit Digital Video abgefilmten Theaterproduktion CAPTAIN BERLIN VERSUS HITLER im Gepäck.

Im Metropolis: Weiter geht's mit der Jim-Jarmusch-Retro, mit Filmen von Sydney Lumet, und es startet eine Derek-Jarman-Retrospektive.



Dies und das:




In den Kunstwerken in Berlin ist noch bis zum 19.4. ein temporärer Kinosaal eingebaut, in dem eine Rolle berühmter Vorspänne gezeigt wird, 50 an der Zahl, wobei Reihenfolge und Auswahl offenbar ziemlich beliebig sind.
Vorspannkino heißt die "Ausstellung" und ist wohl eigentlich ein eher doofer Versuch, allein durch den Präsentationsort das Kino der Kunstwelt einzuverleiben.
Wem der Kunstkontext aber schnuppe ist und das einfach als Kinobesuch betrachtet, der kann sich für sechs Euro an vielen schönen Vorspännen erfreuen, die hier ausnahmsweise mal nicht nur der Einstimmung dienen, sondern als Hauptprogramm gebührend gewürdigt werden.
Im Netz widmet sich übrigens die sympathische Seite "Forget The Film, Watch The Titles" den ersten Filmminuten, die oftmals Versprechen abgeben, die dann kaum oder gar nicht eingelöst werden.
Wenn man bei youtube einfach nach "opening titles" sucht, erhält man statt fünfzig 141.000 Vorspänne als Suchergebnis. Ganz unbelästigt von höheren Kunstweihen kann man da von morgens bis abends Vorpänne gucken, jahrelang. Falls man seine Zeit nicht mit Arbeit verplempern muss.



Richard Christian Kähler auf meine Frage nach seinem Lieblingsfilm:

"Mein Lieblingsfilm? Tja, kann sein, das ist jetzt ein bisschen erschütternd für die, die mich als kodderschnauzigen bis eiskalten Satiriker kennen, aber auf der Kehrseite lauert nun mal der Vollromantiker: SHAKESPEARE IN LOVE.
Sah ihn zum ersten Mal 1998, als er frisch herauskam, zusammen mit meiner damaligen Freundin im Kino und war schon da mehr als üblich beeindruckt und berührt. Als Selbst-Schreiberling und stundenlanger Schreibtischhocker natürlich besonders von 'Shakespeares' ewig schwer bekleckerten Tintenfingern. Und fast noch mehr von seiner bedenklich lang anhaltenden 'Schreibblockade'.
Und dann ein paar Jahre später, nach einer neuen, erst ganz großen und dann ganz großartig schief gegangenen Liebe, hab ich mir SHAKESPEARE IN LOVE noch circa hundert Mal auf DVD angeguckt. Und weil mein gequältes Liebeskummerherz damals so dermaßen sperrangelweit und schutzlos offen stand, jedes Mal dabei geheult wie ein Schlosshund. Verdammte Scheiße.

Aber sooo schön, dieser Film. Noch nie einen ebenso liebevoll wie klug inszenierten Traum voll Witz und Wahrheit gesehen. Und – wie ich ja selbst gerade erfahren hatte – sooo unrealistisch war er nun auch wieder nicht in der Schilderung und Empfindungsdarstellung einer außergewöhnlich großen Liebesgeschichte. Nein, eher extrem schmerzhaft nah dran.

Und darüber hinaus natürlich: Dieses großartige Drehbuch, diese hervorragende Regie und diese sensationellen Schauspieler! Diese perfekten Bauten und die prächtigen Kostüme! Und natürlich die traumschöne Musik! Und neben all dieser ebenso leidenschaftlichen wie Happy-End-losen Liebe immer diese wundervolle Shakespear'sche Sprache in Mono- und Dialogen, besonders in der so ergreifenden Abschiedsszene zwischen Viola und William. Ach.

Und weil ich auch grad wieder eine (hoffentlich nicht bedenklich lang anhaltende) Schreibblockade hab, schieb ich ihn mir jetzt gleich noch mal wieder ins Laptop rein. Und muss allein beim dran Denken schon wieder leise schniefen. Warum? 'Ich weiß es nicht. Es ist ein Wunder.' (Mein Lieblingszitat)"



SHAKESPEARE IN LOVE ist eine moderne Kostümfilm-Romcom mit Biopiceinschlag, weshalb ich, vorurteilsbeladen, wie ich nun mal bin, sicherheitshalber nie in Erwägung gezogen habe, mir den Film mit Joseph Fiennes und Gwyneth Paltrow anzugucken.
Doch da scheine ich was verpasst zu haben. Der Biopic-Aspekt spielt nicht wirklich ein Rolle, da so wenig über Shakespeares Leben in seinen jüngeren Jahren bekannt ist, dass die Drehbuchautoren Tom Stoppard (BRAZIL) und Marc Norman recht frei walten konnten. Und sklavisches Nachäffen fällt mangels Filmaufnahmen vom Original-William auch flach.

Als romantische Komödie scheint die Unternehmung durchaus gelungen zu sein. Das Filmlexikon meint: "Herausragende Darsteller, ein kongeniales Drehbuch und die entschlossene Inszenierung verbinden sich zu einem fulminanten filmischen Feuerwerk, das als augenzwinkernde Satire auf den Filmbetrieb, aber auch als intelligente Reflexion über den Wirklichkeitsgehalt von Fiktionen gelesen werden kann."
"Ist das ein Film oder eine Anthologie? Mir war's egal. Ich wurde mitgerissen vom Witz, der Energie und der überraschenden Anmut", schrieb Roger Ebert.

Für mich könnte dieser siebenfache Oscargewinner eine echte Entdeckung werden.




Richard Kähler, der den Christian erst in jüngster Zeit zwischen Vor- und Nachnamen schiebt, hat in den späten Siebzigern zusammen mit Hans W. Saalfeld in Hamburg das legendäre Nonsensmagazin Mark & Bein produziert, in einer Miniauflage von einigen hundert Exemplaren, dessen schönste Beiträge später in Buchform eine sehr viel größere Verbreitung fanden. Von der ersten Ausgabe an schrieb er auch für die 1979 gegründete Titanic; ab dem sechsten Heft machte er, wieder zusammen mit Saalfeld, acht Jahre lang die KoLiBri-Seiten, auf denen, in Nachfolge der WimS-Rubrik in Pardon, statt Satire ausgemachter Blödsinn stattfinden durfte.
Eine treue Anhängerschaft erwarb er sich als "Teddy Hecht" in 100 Ausgaben einer regelmäßigen Kolumne, die er 1983 erstmals zwischen die "Briefe an die Leser" gemogelt hatte. In "Teddy's Trends" schwadronierte er in einem Stil, für dessen Beschreibung der Begriff "kodderschnauzig", den Kähler selbst oben verwendet, sicher der beste ist, über all die kranken Moden der achtziger Jahre.

Über Spoiler:
"Meine größte Sorge gilt momentan den Citroënwerken: Ihr 2CV, die gute alte Ente, die es ja mittlerweile zu Hunderten in der individuellen, immer ein und derselben Charleston-Lackierung zu sehen gibt, scheint aktuell der einzige Neuwagen zu sein, der noch nicht serienmäßig mit Heckspoiler (scherzhaft auch 'Hutablage' genannt) ausgeliefert wird. Ja, wollt Ihr denn endgültig bankrott gehen?"

Über Wollgeschäfte:
"Mädels, macht Schluss mit der Woll-Laden-Inflation! Macht das Wolllädchen, die Wollust, oder das Wollparadies von außen zu, steckt die finanzielle Schlappe weg und seid nicht zu arg frustriert, nur weil Ihr Euer Selbstgehäkeltes in Zukunft wieder selber tragen müsst – wer denn sonst?"

Über Einrichtung im "Japan-Look":
"Flach, kleine Möbel, weiß und leer. Licht und Schatten. Dazwischen der Mensch. Das hält man vielleicht drei Jahre aus – dann wird die Wohnlandschaft wieder mit Persern und Postern vollgerammelt. Weil das einfach gemütlicher ist."

Über kleine Hifi-Geräte:
"Dass sich Menschen mit ca. 1 Quadratzentimeter großen Fingerkuppen Geräte und so genannte Mini-Komponenten andrehen lassen, bei denen pro Quadratzentimeter circa ein gutes Dutzend Mini-Bedienungstasten erst mal zu finden und dann noch zu drücken sind, lässt mich schrill schmunzeln, wenn ich daheim auf dem Rücken liege und den Riesen-Volumenknopf meiner steinalten Maxi-Anlage mit dem Fuß bediene – groß, Leute, groß! Das ist Luxus!"

Über Schulterpolster:
"Ich bin zu jung, um aus den irrwitzigen Zeiten zu erzählen, als Frauen sich den Spitzbergen-BH noch mit Schaumgummi auspolsterten, um mehr zu scheinen als zu sein. Aber ich werde nicht versäumen, meinen Kindern zu erzählen, wie es war, als ihre eigene Mutti Brust Brust sein ließ und sich stattdessen den Polsterschwindel unter das Herrenjackett stopfte, um mit Holzfällerschuhen die Männergeschäftswelt zu erobern."

Über Gerätefarben:
"Auch in deutschen Küchen geht es wohl schaurig zu: kein Küchenhilfsgerät, das nicht ausschließlich in den Farbtönen 'Eierschale erbrochen', 'Babyschissgrün' oder gar 'Leberwurst' zu haben wäre. Jaja, auch die Hausfrauen scheinen kein leichtes Dasein zu fristen."

Über Dreieckstücher:
"Wirklich überraschend sind doch die jungen Mädchen, die jetzt alle (statt wie noch vor ein paar Jahren mit einem wild-wüsten, schwarzweißen Palästinensterschal-Geknuddel um Hals und Visage) mit einem enorm rustikal gemusterten enorm korrekt sitzenden Dreieckstuch um und über die Schultern einhergeschritten kommen wie die bravste Münchner Bürgersfrau. Was ist los mit den Mädchen? Warum machen die plötzlich alle auf solide? Wollen die etwa geheiratet werden?"

Über herausnehmbare Autoradios:
"An meinem Schreibtisch drängeln sich in letzter Zeit junge Männer mit tragbaren Henkel-Radios in der Hand. Wenn man sie bittet, das erzteuer aussehende, mattschwarze Ding doch mal kurz hören zu lassen, behaupten sie, die Lautsprecher dazu unten im Auto gelassen zu haben. Ist das Fortschritt?"

Über künstliche Süßstoffe:
"Nutra Sweet, irgendein Assugrin-Schweinkram, wagt sich auf ganzseitige Anzeigen und steckt nun in jeder Cola, die mittlerweile wahrscheinlich dünn macht. Eklige Flüssig-Süß-Fläschchen und die Plastikspendertonnen mit den weißen winzigen, widerlichen Chemiezuckerpillen sieht man bevorzugt in den Patschhänden der dicksten und prallsten Watschelhennen auf Zulassungsstelle, Einwohnermeldeamt und wo immer sonst noch Beamtenfrauen gerade Kaffee trinken, wenn man irgend etwas von ihnen will – der Kalorienbombenteller Nougattorte steht natürlich gleich daneben. Dass nun aber sogar eine ehrwürdige alte Firma wie Kühne sich nicht entblödet, meine Lieblings-Rote-Beete z. B. nicht nur wie gehabt mit echtem Zucker zu süßen, sondern obendrein auch noch zusätzlich eine Extraportion Saccharin ins Glas haut, halte ich für den Gipfel des Scheißberges. Den können sie sich nun in Zukunft allein irgendwo reinschieben."

Über "Light"-Produkte:
"Leicht-leicht-leicht? Seicht-seicht-seicht! Hauptsache, der Bikini passt und der Kopf bleibt leer. Ich hingegen sage: 'Gewogen und zu leicht befunden'. Denn Gutes ist schwer. Und worauf ich und die Menschheit wirklich dringend warten, das ist zum Beispiel Cola heavy. Verstanden, Herren bei den Werbeagenturens? Trend kapiert? Reagiert? Gut."

Über Privatfernsehen:
"Herrlich, was für einen Scheiß die alles senden!"

Über "Der-die-dassen":
"Auch das unsägliche, öko-harmonisiersüchtige Der-die-dassen will & will & will nicht aussterben – obwohl ich diese schaurige Unsitte hier eisern über Monate hinweg totgeschwiegen habe. Nun ist es im Werbefernsehen: 'Ja, die Yogurette, die schmeckt so herrlich leicht! Hallo! Ich bin die Bettina Berger ...' Na, undsoweiter und undsodoof. Also, merke: 'Hallo! Ich bin die Hilde!' – 'Hallo! Ich bin der Peter!' A-ber: 'Hallo, ihr beiden. Ich bin Teddy! Das Arschloch!"

Sehr selten findet Teddy einen Trend auch mal richtig gut:
"Ja, Mädels, ich habe es nicht übersehen: Ihr seid schier wahnsinnig vor neuer Erotik! In alles, was man nur aufschlitzen kann, habt Ihr auch einen Schlitz gemacht: in Röcke, in Hosen, in Kleider – Schlitze, wohin man sieht. Sicherlich wollt Ihr damit so ganz nebenbei darauf hinweisen, dass Ihr auch anderswo einen wunderschönen Schlitz vorzuweisen habt ... Und dass Ihr den ebenfalls stets bis zum aufgeknöpften Anschlag offen tragt (auch auf die Gefahr hin, Euch dabei schwer zu erkälten), dafür danken Euch von Herzen alle, die stattdessen allzeit ein kleines Stengelchen mit sich herumschleppen".

Im Rückblick schreibt Richard Kähler, dass "Teddy's Trends" wegen des streng subjektiven privaten Kolumnenstils ja eigentlich das allererste Blog sei (Max Goldt fing mit seinen Kolumnen erst 1989 an) und kündigt folgerichtig eine Wiederaufnahme im Netz an. Bis jetzt ist da aber noch nicht viel passiert. Um – auch angesichts von Schreibblockaden, von denen oben die Rede war – die Hürde zu senken, habe ich eben diese Seite eingerichtet. Vielleicht beißt der Hecht ja an.

Falls nicht, kann man immerhin auf das Buch zurückgreifen, das alle Kolumnen bis 1989 sammelt.

Ab 1987 erschien "Teddy's Trends" übrigens in der Zeitschrift Kowalski ("Saublöder Name für 'ne Zeitschrift" stand auf dem Titel der ersten Ausgabe), die Kähler, wieder gemeinsam mit Saalfeld und wieder in Hamburg, im Verlag des Werner-Verlegers herausbrachte. Das Heft überflügelte vom Start weg, auch dank der Popularität der Werner-Comics, die Titanic in der Auflagenhöhe und bot weniger Satire, dafür viel viel Platz und Freiheit für höheren Blödsinnn von Autoren und Zeichnern wie Bernd Pfarr, Fritz Tietz, Fanny Müller (Geschichten mit Frau K.), Jean-Marc Reiser, Walter Moers, Gerhard Henschel, Kathrin Passig, Ralf König oder Michael Gutmann. 1991 verabschiedete sich Kähler vom täglichen Redaktionsalltag; zwei Jahre später kam für Kowalski und den ganzen Semmel-Verlach das Aus.

Seither verdingt sich Richard Kähler als freier Autor für Gott und die Welt, also für das Fernsehen und unterschiedlichste anständig zahlende Magazine und hat in jüngster Zeit als Frauenexperte ein Buch über Frauen und zwei über verliebte Teddybären veröffentlicht. Die Teddys heißen Anna & Elvis, bzw. Anna & Elvis & Bo, und ihre Geschichten werden von Kähler nicht nur in Versen erzählt, sondern auch mittels Fotos in liebevoll aufgebauten und beleuchteten Sets auf Location und im Studio bebildert. Ja, denn fotografieren kann er auch. Und musizieren. Aber am besten kann er, als Teddy Hecht, schwadronieren. Hoffentlich macht er das wirklich bald mal wieder.




Und ein Film, den wir glücklicherweise nicht gesehen haben:

Shakespeare-Darsteller Joseph Fiennes war mittlerweile Martin Luther, stand vor der Kamera als Antonio Vivaldi, und angeblich wird er demnächst auch noch Charles Darwin spielen. Eine seltsame Spezialisierung ist das.
So richtigen Schrott hat er aber auch gemacht. RANCID ALUMINIUM, "deutscher" Titel: "Extreme Risk" ist eine vermurkste Kriminalkomödie nach einem Roman von James Hawes. "Fahrige Verfilmung eines Bestsellers, die sich vergeblich um einen ironisch-lakonischen Anstrich bemüht und den an sich recht guten Darstellern nur hölzerne Dialoge zumutet," meint das Filmlexikon. Die Durchschnittsnote bei imdb: 3,7 (!).
"The only reason I went at all was because my girlfriend was in a post-SHAKESPEARE IN LOVE Joseph Fiennes phase. And oh dear god it's bad. (...) We were the only two people that didn't walk out at the screening we attended," schreibt ein imdb-Nutzer aus London.

Der jüngste Film des SHAKESPEARE -IN-LOVE-Regisseurs John Madden ist übrigens die Elmore-Leonard-Verfilmung KILLSHOT mit Mickey Rourke, die vom Studio leider erst ewig zurückgehalten wurde und dann im Januar in den USA ohne jede Werbung mit einer lächerlichen Anzahl von Kopien ihrem Untergang überlassen wurde. Mal schauen, ob der Film es trotzdem bis zu uns schaffen wird.



Umsonst und zuhause:


Am Freitag:

Ausnahmsweise hier mal ein Hinweis auf eine Serie. Die hat es nämlich in sich. KDD - KRIMINALDAUERDIENST ist die einzige deutsche Krimisserie, bei der ich je bei der Stange geblieben bin. Die ersten beiden Staffeln werden von arte jetzt noch einmal ausgestrahlt, zu anständiger Sendezeit; es ist also eine gute Gelegenheit für alle, an denen der erste Durchlauf völlig vorbeigegangen ist, noch von Anfang an einzusteigen. Ein sehr ungewöhnliches Buch, das einerseits große Handlungsbögen über die einzelnen Staffeln hinaus spannt und andererseits in einer Folge von 45 Minuten so viel erzählt, dass es für drei Tatortfolgen langen würde, gute Darsteller (u. a. Devid Striesow, Bernhard Schütz, Saskia Vester, Götz Schubert, Manfred Zapatka und Jürgen Vogel als humpelnder, schwuler Drogengangster) und eine souveräne Inszenierung: Was für eine Überraschung. Eigentlich ist das viel zu gut fürs deutsche Fernsehen, hatte ensprechend geringe Einschaltquoten, wird aber wundersamerweise trotzdem vom ZDF weiterproduziert: Die dritte Staffel kommt im Herbst. Mehr zum Inhalt und zu Terminen hier. Um 21.00 Uhr strahlt arte die Pilotsendung aus, direkt danach, um 22.25 Uhr, folgt die erste reguläre Folge. Weiter geht's dann in den nächsten Wochen jeden Freitag um 21.00 Uhr. ShowView 8.876.139 / 8.399.684



Am Samstag:

Das Debüt von Marcus H. Rosenmüller, frisch und sehr komisch, auch für uns hier im Norden. WER FRÜHER STIRBT IST LÄNGER TOT am Samstag um 20.15 Uhr im BR. ShowView 254.337


Auch am Samstag:

Ein Nanni-Morretti-Film von 1998 im halbdokumentarischen Stil von LIEBES TAGEBUCH. Diesmal beschäftigt den italienischen Schauspieler, Autor und Regisseur (der wahrscheinlich schreien muss, wenn man ihn als den "italienischen Woody Allen" bezeichnet), der italienische Wahlkampf, Film und die Tatsache, dass er Vater wird. APRILE im WDR um 00:15 Uhr, ShowView 4.528.486



Am Sonntag:

Eine Doku von Karl Saurer, die eine vor 450 Jahren vollzogene Reise eines indischen Elefanten über die Alpen bis nach Wien nachvollzieht und dabei Erkenntnisse gewinnt über Kultur und Mentalität hie und da und gestern und heute. Könnte ausgesprochen sehenswert sein. RAJAS REISE auf 3Sat um 21:45 Uhr, ShowView 41.809.979


Auch am Sonntag:

Die beklemmende Exorzismusgeschichte von Hans-Christian Schmid, einem der wenigen Guten, die wir haben. Das Debüt der Schauspielerin Sandra Hüller. REQUIEM jetzt noch einmal spät im Ersten um 23:30 Uhr, ShowView 3.181.825



Am Dienstag:

Dokumentation über den Libanonkrieg 2006, von einem regulär eingezogenen Soldaten, die erstaunlicherweise trotz der sehr kritischen Sichtweise von der israelischen Armee freigegeben wurde. Der Regisseur: "At the age of 28, I was drafted as a soldier in the Second Lebanon War. Instinctively, I grabbed my video camera. The documentary recalls the lack of justice in this unnecessary war and the loss of valuable lives. This was my personal earthquake and the nation's as a whole."
MY FIRST WAR auf arte um 21:45 Uhr, ShowView 9.623.185


Auch am Dienstag:

Zwei Frauen entführen den Telekom-Chef, um durchzusetzen, dass die gelben Telefonzellen wiederkehren. Schräge Low-Budget-Komödie mit Nonsensdialogen, die einem alten Trashmeister, Klaus Lemke, Referenz erweist. Im Standard schrieb Isabella Reicher: "Könnte man sich heute noch auf Kategorien wie 'Underground' berufen, dann wären DIE QUEREINSTEIGERINNEN dafür das schönste Lebenszeichen." Um 22:55 Uhr auf 3Sat, ShowView 89.091.807



Auch am Dienstag:

Der letzte Film von Frank Capra, die Komödie mit einer großartigen Bette Davis als Bettlerin, die mit Hilfe von diversen Gaunern der plötzlich aus Europa auftauchenden Tochter (Ann-Margret) vorspielt, sie sei eine große Dame. DIE UNTEREN ZEHNTAUSEND ("A Pocketful Of Miracles") auf N3 um 00:35 Uhr, ShowView 84.910.321


Am Mittwoch:

Ein schottischer Film von David Mackenzie aus dem Jahr 2007. Eine Coming-Of-Age-Geschichte, etwas schräg, komisch, gut gefilmt und ein wenig unglaubwürdig. Ein junger Mann, dessen Mutter gestorben ist, hat offenbar einen ordentlichen Hau abbekommen und spioniert seinen Mitmenschen nach, bis er in Glasgow eine Frau trifft, die seiner Mutter ähnelt.
Zum ersten Mal im Fernsehen.
HALLAM FOE, um 00:50 Uhr im Ersten.


Auch am Mittwoch:

Trotz silbernem Bären ist der zehnte Film von Meister Kim Ki-Duk bei uns recht unbekannt geblieben. Es geht um eine Schülerin, die sich prostituiert, um sich eine Reise nach Europa zu finanzieren. Und um ihren Vater, der das rausbekommt. Formal streng und verstörend: SAMARIA, im BR um 00:15 Uhr.


Auch am Mittwoch:

ALS DER WIND DEN SAND BERÜHRTE ist zwar ein ganz furchtbarer klingender Titel, dahinter verbirgt sich aber eine eindringlich und überzeugend erzählte Geschichte um eine afrikanische Familie auf der Suche nach Wasser. "Geschickt die Balance zwischen neorealistischer Darstellung und poetischer Überhöhung haltende Inszenierung, die sich nicht zuletzt durch die atmosphärisch-dichten Bilder und die authentischen Darsteller zu einem Meisterwerk des ethnisch-fiktiven Kinos verdichtet", meint das Filmlexikon. Auf arte um 23:30 Uhr, ShowView 8.470.215


Wie immer gibt es außerdem noch viele weitere sehenswerte und wohlbekannte Filme im Programm, beispielsweise DIE RITTER DER KOKOSSNUSS, DIE DREI TAGE DES CONDOR, DER GENDARM VON ST. TROPEZ, AUCH EIN SHERIFF BRAUCHT MAL HILFE, BLOW UP, LIEBE 1962, ZABRISKIE POINT und MAGNOLIA. Wer suchet, der findet.

Wer die Fernsehtipps lieber häppchenweise, an den jeweiligen Ausstrahlungstagen lesen will, wechselt zur Fernsehprovinz.



Eine Googleabfrage, die letzte Woche jemanden aus Bad Homburg auf diese Seiten führte: "hausfrauenanweisungen".